Harald Welzer: Die smarte Diktatur

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Harald Welzer - Die smarte Diktatur - S. Fischer Verlag - 320 Seiten

Endlich haut mal jemand richtig auf den Tisch. Harald Welzer kann es nicht mehr ertragen,  dass unter dem Deckmantel der frohen Digitalisierung in Jahrhunderten erkämpfte Freiheiten mal eben an die Wand gefahren werden. Der immer räuberischere Kapitalismus zersetzt nun die letzten, bislang nicht kollektiv verwertbaren Daseinsformen: die auf Solidariät bedachten Sozialsysteme und die Unabhängigkeit des Denkens.

Vorbild China: Die Modernisierung von Staat und Gesellschaft bleibt dort aus, weil alleine der Markt regiert. Schwellen- und Entwicklungsländer überspringen Demokratie und Zivilgesellschaft, denn der Kapitalismus funktioniert auch ohne. Diese "Modernisierung ohne Moderne" nun infiziert auch die westlichen Demokratien. Ihre Humanitätspotenziale werden gen Stagnation hin geschrumpft. Im Gegenzug sichern sich priviligierte Gruppen, Konzerne und Despoten erfolgreich Privilegien.

Gesellschaftliche Visionen gibt es aktuell kaum. Was boomt, ist die digitale Wirtschaft. Welzer hält die neue Elite des Silicon Valley für soziale Volltrottel, die der Menschheit erfolgreich vorgaukeln, Wichtiges zu schaffen, vor allem aber finanziellen Eigennutz und Macht im Visier haben: Alphabet (Google) löst Probleme, die überflüssig sind. Die zentralen globalen Probleme dagegen lassen sich nicht durch Digitalisierung, sondern nur politisch lösen.

Weite Teile der Menschheit aber folgen den digitalen Lemmingen begeistert: Die  Selbstoptimierung dank Kontrolle und die Kontrolle aller Lebensbereiche wird vielversprechend gepriesen, doch ist eine soziale Monokultur, in der die höchste Stufe der Dressur die Personalisierung durch normierende Datenerhebung ist. Dabei landet man in der Spiegelhölle des Immerselben. Das Unerwartete und Überraschende bleibt - man höre die Oldies beim Dudelfunk - strukurell außen vor und Harald Welzer fragt zurecht, wie in eine solch entropisch verseuchte Welt jemals wieder etwas Neues kommen kann und wie die eingenormten Konditionierungen des bescheidenen Tellerrands wieder überschritten werden können.

Die Unterspülung von Selbstwahrnehmung, Demokratie und Zivilgesellschaft verläuft weitgehend unbemerkt in jenen Momenten, in denen User - und nicht Bürger! - an Smartphones und Tablets herumfummeln und dadurch exakt jene Hörigkeit installieren, der das freie Denken geopfert wird. Es ist nahe liegend, dass Welzer fordert, die Dinger wegzuwerfen.

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Sascha Lobo: Das Ende der Illusion die wir Gesellschaft nannten

Spannender Vortrag Anfang Juni 2016 bei der 13. Tübinger Mediendozentur.

 

"Reclaim Social Media!" ist der Schlussappell: Hol dir die Sozialen Medien zurück, die von Überwachung und emotionsgesteuertem Mob okkupiert sind.

 

Einst war das gesellschaftliche Miteinander von Mäßigung geprägt, Kommunikation folgte in Würde und Achtung. Eben dies geriet im technisch möglichen Kanonenfeuer emotionaler Kleingeistigkeit in den Sozialen Medien unter die Räder. Das interessante soziologische Phänomen der Mäßigung sei hier einfach mal als (historisch) wesentlich festgehalten, den Rest erzählt Lobo sowieso selber sehr gut.

Niklas Luhmann: Der neue Chef

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Niklas Luhmann: Der neue Chef - 2016, 120 Seiten

 

Vor der Systemtheorie war die Beobachtung: Die drei Texte im Band "Der neue Chef" aus den 70er Jahren belegen auf erfrischende Weise den intellektuellen Werdegang Niklas Luhmanns. Er beobachtet Situationen rund um Chefwechsel und beschreibt firmen- und bürokratieinterne Zusammenhänge weniger durch einen theoretischen Blick denn durch narrative Offenlegung.

 

Luhmann selbst war vor seiner akademischen Karriere Verwaltungsbeamter gewesen. Da mag es ab und an also neue Chefs gegeben haben. Mal kommen sie von außen, mal steigen sie in der Firma auf und ziehen ihre Clique mit. Es gibt viele Parameter und Gefahren mit der Untergebenenkommunikation, wenn der Neue keine Ahnung vom Aufgabenfeld hat (oft: Ministerwechsel) oder wenn er, aufs Unpersönliche reduziert, nur die allernotwendigsten Fakten durchgestellt bekommt.

 

Verwaltungsmenschen sind Taktiker. Es gibt Regeln, Zusammenhänge und Metaebenen. Zwischen Chefs, Kollegen und Untergebenen kämpft Ordnung, Ziel und Erfolg durch Kommunikation. Dass der Chef tatsächlich der Stärkste ist, wagt Luhmann wider den Wissenschaftskanon anzuzweifeln: "Ich finde es ungerecht, dass man Vorgesetzte, die durch ihre Stellung ohnehin schon priviligiert sind, auch noch von der Forschung her stützt, mit Kursen über Menschenführung beglückt und mit entsprechenden Techniken ausrüstet, die von der Struktur her dispriviligierten Untergebenen dagegen ohne Hilfe läßt". Unter dem Schlagwort "Unterwachung" stellt Luhmann die Machtfrage auf den Kopf, indem er den Wissensmangel der Chefs - Knappheit von Zeit und Bewußtsein - mit der Macht der Untergebenen aufwiegt. Sie sind es, die die Komplexitäten der Entscheidungslagen für den Vorgesetzten bearbeiten und ihm die Ergebnisse in den Mund legen. Er braucht dauernd Hilfe und hat in seiner Funktion als Repräsentant oft nicht viel Ahnung vom täglichen Geschäft.

 

Die Texte aus der Pubertät der Systemtherorie könnten auch von Journalisten stammen, die mit analytischem Blick Chefs studieren und deren Gepflogenheiten im Bürosystem narrativ an Verallgemeinerungmöglichkeiten koppeln. Nichts anders tut die Systemtheorie. Man kann sie heute individuell wie kollektiv im Open Source der Wahrnehmungaufzeichnung praktizieren und an Begriffsmodulen, die sich bewährt haben, verifizieren.

 

Luhmanns Mammutwerk ist in hohem Maße narrativ. Hinter all den komplexen Beschreibungen der gesellschaftlichen Begrifflichkeiten steht das nacke Leben. Die Systemtheorie mag kompliziert erscheinen, Luhmanns Sprache ist aber vor allem präzise und von juristischer Klarheit, sprich Schönheit. Wer sich auf die Systemtheorie einläßt, erlernt die Wahrnehmung des Alltags mit analytischer Stringenz: Luhmann machte das Soziale zum Lustobjekt einer weltoffenen Erkenntnis, die durch kontemplatives Hinschauen entsteht.

 

Er hat sich nie als Chef der Systemtheorie gesehen wie der Führer einer Ideologie, sondern wie ein Guru, der Begabung weiterreicht, um anderen Weisheit und Erlösung darin zu ermöglichen, all die komplizierten Gesellschaftsverstrickungen zu durchblicken und sie klaren Kopfes weiter zum Besseren zu gestalten. - Ob es dabei der Chefs bedarf, ist nur eine Nebenfrage. Zumal, wie Herausgeber Jürgen Kaube, das Büchlein zusammenfassend, sagt: Chefs sind einerseits unentbehrlich, andererseits stören sie.

Die Erde lebt: Terra Preta

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Terra Preta. Die schwarze Revolution aus dem Regenwald - Mit Klimagärtnern die Welt retten und gesunde Lebensmittel produzieren. Von Haiko Pieplow, Ute Scheub, Hans-Peter Schmidt - Web

 

Die Gewinnung von nahrhaftem Boden ist kein Ziel der Landwirtschaft: Dünger, Pestizide und Gülle pimpen das Pflanzenwachstum, der Boden selbst aber wird zum Opfer. Landmaschinen machen ihn platt, Gifte töten Organismen, Würmer ergreifen die Flucht.

 

Wirklich guter dagegen Boden lebt. Guter Boden ernährt sich von Laub und anderen abgestorbenen Naturalien. Gutem Boden ist Organisches hinzuzufügen, damit er gedeiht und es Organismen und Würmern ermöglicht, Humus zu entwickeln. Die relativ neue Erkenntnissbewegung rund um "Terra Preta" folgt der simplen Tatsache, dass Pflanzen vor allem in guten Böden gedeihen, in Humus, der alles verarbeitet, was nahrhaft ist: Normale Küchenabfälle, in Äckern eingepflügt oder kompostiert, können selbst Wüsten fruchtbar machen. Ein wenig Holzkohle intensiviert den Prozess.

 

Das so liebevolle wie leidenschaftliche und umfassende Buch gibt Auskunft über alle Aspekte von Terra Preta und ist geeignet für Kleingärtner, Bauern sowie Konzerne. Am Amazonas nahm die Entdeckung von Terra Preta (Schwarze Erde) seinen Erfolgslauf: Dort ist es mit der Humusgewinnung schwierig, weil die Feuchte des Regenwalds auf den sauren Böden alles wegschwemmt. Vor Jahrhunderten aber wurde dort Humus erzeugt. Hinter den Häusern von Gehöften erstanden Areale von Beeten, die aus Abfällen entstanden. Auf diesen Dschungeläckern wurde erfolgreich angebaut. 

 

Die Sensation für die heutige Landwirtschaft ist so einfach wie überfällig: Abfall schafft Leben. Organische Reste, die es in Massen gibt, lassen leckersten Humus gedeihen. Auch flächendeckend. Da Humus CO2 bindet, sind die Investitionen in guten Boden auch ein Mittel gegen den Treibhauseffekt.

 

Selbst Fäkalien lassen sich, bestreut mit Holzkohlestaub, im organischen Abfall zu Humus machen. Der wunderbar erhellende Film "Undune" von Dennis Rätzel (2015) geht von der Astronautenfrage aus (wie lassen sich wertvolle Exkremente im Raumschiff weiterverarbeiten), er illustriert das Paradox, dass wir die Kacke im Klo zunächst mit Wasser wegschwemmen, um sie dann im Klärwärk mit viel Aufwand und Energie wieder vom Wasser zu trennen. "Undune" ist der Film zum Buch. - Immerhin ist weitgehend bekannt, dass Urin ein extrem guter Dünger ist. Also: Öfter mal is Grüne pinkeln!

Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann?

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Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest - Ludwig Verlag, 207 Seiten

 

Willkommen in der "Trockenphase der Weltgeschichte": Philipp Ruch, Aktivist des Zentrums für Politische Schönheit, beschreibt in seinem Manifest "Wenn nicht wir, wer dann?" den gesellschaftlichen Mangel an Sinn für Größe, Kraft und Schönheit (13). Mit dem Scheitern der Großideologien des 20. Jahrhunderts sei die Erwartung verloren gegangen, Ideen könnten die Menscheit beflügeln. Die Anspannung, mit der Menschen dereinst voller Vision ihrer Zukunft entgegenfieberten, fließe heute in die Einrichtung von Wohnzimmern (25).

 

Die antike Vorstellung, ein Staat bestehe aus Menschen, die einander denkend weiterbringen, ist uns fremd geworden (61), auch Hegels Weltgeist ist uns nicht mehr geläufig (28). Stattdessen wurde - ebenfalls verheerend für Kreativität jeder Art - die Welt vor allem wissenschaftlich verstehbar und dadurch befreit von Neugierde und Staunen (65). Die fatale Überzeugung Siegmund Freuds von der Schwäche des Menschen führte zudem in die Falle (96), in der wir zwischen Entzauberung und Entmutigung (36) daran zweifeln, dass wir uns einander brauchen (59): Wir leben in einer Zeit, der der Glaube an das eigene Tun abhanden gekommen ist (20).

 

Das möge sich ändern: Also raus aus den Pantoffeln und rein in die Welt! Wider die geistige Kapitulation (26) trat Philipp Ruch an, mit politischen Aktionen die Welt zu verändern. Doch leider hält er dies nicht in dieser Schrift. Er betreibt Kulturkritik ohne Ende und Ziel: Er seziert philosophische Fragmente, jammert und wütet, doch gibt keine Hinweise, wie das Jammertal zu verlassen sei.

 

"Es sank der Meeresspiegel des Staunens" (65). - Wie nun aber die Leute ("wenn nicht wir!") zu Aktivismus zu beflügeln sind, thematisiert er nicht einmal am Begriff der Schönheit selbst ("Schönheit ist das Erdbeben unserer Existenz" (105)). Das Erhabene beispielsweise ist ihm keinen Hinweis wert, die Kraft des Schönen kritisch zu spiegeln. Während Schönheit beim "Zentrum für Politische Schönheit" als wunderbar dialektisches Konnotat genutzt wird, ist der Versuch Ruchs, die Schönheit als politisches Traktat zu manifestieren, auf sehr ärgerliche Weise gescheitert.

 

Die Weisheiten, die das Buch verkündet, finden sich auch bei meiner Tante im Tagesabrisskalender: Hoffnungen sind ein gewaltiger Rohstoff (20), wir haben die Phantasie, um nicht an der Wirklichkeit zugrunde zu gehen (165), wir müssen verwirklichen, was wir sein können (190), eines unseren innersten Bedürfnisse ist es, menschlich zu sein (194), wir sollen uns wertvoller machen (205).

 

Schade auch: Ruch berichtet nicht aus dem Innenleben des "Zentrums". Srdja Popovic tat Vergleichbares in mitreißender Leidenschaft in "Protest! - Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt" - siehe unten - betreffs der Aushebelung ganzer Staaten! Ruch dagegen scheint ehr dem "Ende der Geschichte" (Beaudrillard - siehe unten) verpflichtet. Da er keine Vision artikuliert, ist das Buch kaum der Gattung Manifest zuzuordnen. Die Leute, die es in Hoffnung auf Kraft und Läuterung lesen, werden ehr in Selbstmordlaune entlassen als zu irgendwas ermuntert. 

 

"Die Welt mit Außergewöhnlichkeit und Schönheit bereichern" (206). - Lieber Philipp, das ist in der Tat ein schöner Slogan. Den dann aber bitte als Titel nicht wieder mit Fragezeichen, sondern mit Ausrufezeichen versehen!

 

Denn, liebe Leute: setzt euch halt zusammen, denkt nach über die Gesellschaft und was euch an ihr begeistert oder stört, schmiedet Pläne und macht Aktionen, die das Soziale und Politische beeinflussen. Etwas machen, was Spaß macht, schön ist und was bewirkt. - Kann doch nicht so schwer sein! 

Hat noch jemand Interesse an Weisheit und Vernunft?

Das Gegenteil von Sinn ist Unsinn. Beide Erkenntnisdimesionen sind nicht leicht zu belegen, wenn der Sachverhalt, über den gesprochen wird, kompliziert ist. Der Weg zu Weisheit und Vernunft kann steinig sein: zeitraubend und voll vertrackter Hindernisse.

 

Um komplexes Denken abzukürzen wird gerne das "ich habe recht" behauptet, um eine Position zu stärken, die zwar nicht in höhere Komplexitäten eingebettet ist, aber im "kleinen Argumentationsradius" plausibel klingt. Damit soll vor allem die eigene Macht betont werden: weiteres Nachdenken sei nicht vonnöten.  Auf Weisheit und Vernunft zielende Reflektion dagegen würde in der Meinungsfindung den längeren Weg des "ich habe nicht recht" gehen, um dann aber eventuell doch für richtig befunden zu werden. Selbstkritik ist dem Erkenntnisgewinn der gewinnbringende wie rettende doppelte Boden.

 

Um Sinn von Unsinn zu unterscheiden bedarf es also einer intensiven Auseinandersetzung, und es bedarf Zeit. Beides scheint heute weder gefragt zu sein noch praktiziert zu werden.

 

Schluss mit lustig!

 

Die Begriffe Weisheit und Vernunft klingen so antiquiert wie Telefonzelle oder Kassettenrekorder. Sie entstammen einer vergangenen Zeit. Dem Denken läßt sich heute kaum mehr gerecht werden. - Hier Beispiele (sie können weiter ergänzt werden):

 

Die Debatten-Polizei

Erneut sei auf den erschütternden Text in Die Zeit - jetzt online - über das fatale Verhalten von Studenten in den USA verwiesen, die die Meinungsvielfalt unter dem Dogma eines krankhaften Minderheitenschutzes verbieten. Hieran anknüpfend der Hinweis von Slavoj Žižek in der NZZ (man suche die Stelle der Studentin in der USA): "es zählt nicht mehr das Argument und die Vernunft, sondern die Position des Aussagenden und also die Macht". - Nicht die Reflektion scheint erstrebenswert, sondern der Kleingeist des eigenen verkümmerten Horizonts.

 

Adorno go home!

Wer sich heute mit Adorno und der Frankfurter Schule beschäftig, kann als mutig bezeichnet werden. Schon dereinst waren seine Leser Helden, denn die Sachverhalte waren mehr als kompliziert. Was von der Frankfurter Schule übrig ist, skizziert Joachim Güntner in der NZZ. Nicht viel. Nun sei der Grund, weshalb dem Denken und sozialwissenschaftlichen Dimensionen oder gar der Philosophie kein Interesse mehr geschenkt wird der "Einfachheit halber" auf den simplen Grund heruntergebrochen: Es gibt dafür keine App! - Was nicht als App implementierbar ist (das Denken), existiert nicht.

 

Simulakrum simsalabim

Auf dem Gebiet der Erforschung der Künstlichen Intelligenz (KI) wird das menschliche Geistesvermögen mit großer Emphatie maschinellen Optionen geopfert. Es mag ja sein, dass Machinen bald tolle Gedichte schreiben, deren Ontologie aber wird fern jener des Menschen sein. Der menschliche Geist wird mit Geistern verscheucht.

 

Geisteswissenschaft?

Weder die Geisteswissenschaft noch die Sozialwissenschaften mischen das gesellschaftliche Leben auf: Erkenntnisdebatten erreichen nicht den öffentlichen Raum, sondern verbleiben in den Elfenbeintürmen von Universitäten, Zirkeln und Instituten. Das schlechte Gewissen der Geisteswissenschaften ist evident: Neuerdings benennen sie sich um in Kulturwissenschaft. Das klingt nicht nur weniger anspruchsvoll, das ist auch anspruchsloser. Kommt aber dem Anspruch des vereinfachenden Niedrigniveaus entgegen.

Kommunikation in der Doppelhelix

Gehen wir mal von irgendeiner Meinung aus, die in Umlauf kommt und stellen uns eine liegende Acht vor: Wenn jemand die Meinung toll findet, geht diese ganz links an der Acht nach oben, wenn sie jemand schrecklich findet, geht sie nach unten.

 

Beide haben die Meinung verinnerlicht. Und nun könnte es der Fall sein, dass beide (Meinung getragen durch Person), zusammenfinden, um sich über die Meinung auszutauschen. Sie treffen sich im Zentrum der Acht, hören einander zu und gehen jeder für sich erneut in Klausur. Im Idealfall einigt man sich danach beim finalen Handschlag eines erneuten Treffs, die Acht ist dann geschlossen und es bedarf keiner weiteren Kommunikation.

 

Schon beim ersten Aufeinandertreffen im Zentrum der Acht kann es Probleme geben, wenn der eine den anderen beispielsweise umbringt. Dann geht die eine Meinung einsam auf die weitere Reise. Oder der Konflikt verstärkt sich derart, dass es zu einem finalen Abgleich nicht mehr kommen kann, weil einer der beiden in der "Umlaufbahn verloren" geht. Dann ist die Acht ebenfalls nicht zu schließen.

 

Die Acht kann sowohl auf Personen als auch auf Institutionen angewendet werden, und auch für viele Akteuere zeitgleich. Dadurch wird die Acht dreidimensional. Die Tatsache, dass das Aufeinandertreffen von Akteuren zudem zeitlich versetzt erfolgen kann, bringt die Acht gewissermaßen zum Vibrieren.

 

Wenn Meinungen das Ziel oder die Möglichkeit haben sollen, durch Austausch zu Übereinkünften zu führen (zum Beispiel zu Gesetzen), dann bedarf es (rechts) einer geschlossenen Acht. Diskussionen sind natürlich in der Zeit beliebig verlängerbar: wodurch wir bei der Helixstruktur einer in sich verlängerten Achtverschraubung landen, in der sich Akteure immer wieder treffen. Wenn die Helix am Ende aber keine abschließende Rundung durch eine Vielzahl seiner Akteure erzielen kann, weil die nach oben oder unten schießenden Meinungsträger nicht wieder zurück in die Helix finden, dann ist gesellschaftliche Kommunikation gescheitert.

Heidi Specker mit "Im Garten" in der Berlinischen Galerie

Die Fotografin Heidi Specker zeigt in der Berlinischen Galerie derzeit in einer großen Ausstellung auch ihr wunderbares Projekt IM GARTEN, das ich 2006 für European Photography rezensierte (Nr. 79/80):

 

Bäume werden alt, doch Beton hält ewig. Beton freilich ist grobschlächtig, wohingegen Bäume sprießen und blühn. Mit Heidi Specker sind wir `Im Garten`. In einem Garten, der keine Horizonte kennt. Die Stämme und Sträucher ragen stramm an Fassaden. Die Biotope sind idylleresistent, kein Boden gibt Halt, denn Specker bleibt konsequent in Augenhöhe.

Sofern Gärten Abgrenzungen haben, sind Beobachter ohnehin schnell an der Wand. Allemal im Garten Urban. Da gilt Wunde vor Wand: Die grazilen Gewächse trotzen voller Verletzlichkeit, wohingegen der Stein im Off felsenfeste Macht vorgibt - Natur ist an die Wand gestellt.

Doch geht es nicht um Zivilisationsopfer, Specker zielt auf Essenzielles. Bereits das Eröffnungsbild des Bandes, ein nachts spärlich beleuchteter und hintergrundloser Strauch, der Portrait zu stehen scheint, verweist auf die Schöpfung der Materie durch Licht und Energie: Specker analysiert einerseits die photographischen Techniken der Bilderzeugung, andererseits die Materialbeschaffenheit - und deren Rezeption. Sie nähert sich den unscheinbaren Realitäten mit allen Sinnen. Sie ertastet die Formen und begibt sich unter die Baumameisen.

Wo ist die Welt, wenn die Objekte fraktal sind? Indem Specker ganz nah dran ist, verschmelzen die Differenzen der Objekte. Ob Musterungen von Rinde und Astaugen oder Risse im Beton, Specker betritt die Mikroebene und trifft auf Basisstrukturen. Derart im Urstofflichen naturalisiert sie den Beton und versöhnt seine Künstlichkeit mit der Natur: Alles ist eins.

Sie umgeht Wertungen und die Frage nach Henne oder Ei, indem sie in der Dialektik selbst agiert. Profanüberlegungen sind dennoch spannend: was hält länger, Astgenetik oder Beton, was bedeutet Stadtleben, was Natur. Doch Specker überholt, sie zieht den Betrachter auf codierte Bahnen, sie fahndet, den Stadtgarten abstrahierend, nach den Mustern - der Weltformel oder der Seele - des Materiellen.

Ob poröse Steinornamente, monolithische Klötze in perfekter Strukturneutralität, ob im Wind wehende Götterbäume, eine Birke als Spießigkeitsbeleg, oder Granitgebirge mit außerirdisch anmutender Helix, die gezähmte Natur entspricht der sterilen Welt einer auf Sachlichkeit hin orientierten Wahrnehmung. In den Doppelstrukturen der vegetativ angereicherten Zwischenräume legt Specker in leidenschaftlicher Genauigkeit allgemeine Formeln frei.

Die Mustercodes bringt sie experimentell und narrativ zum Mutieren. Sie fordert die gefundene Ordnung durch Verfremdung heraus. Hatte sie zwischen Konstruktion und Dekonstruktion in früheren Arbeiten Muster und Fassaden techno-digital erhitzt, so geht sie Im Garten behutsam vor. Da mal einen Trieb geknickt, dort eine Fuge verleimt. Die Lichtverhältnisse sind bisweilen radikal absurd. Dann die Farben, sie kommen mit Wucht: Die flächendeckenden Baumummalungen in saftig Satt schlucken den Hintergrund durch eine schizophren unwirkliche Tiefe, die blendet. Die Baumstamm-Objekte sind isoliert, sie sind freigelegt wie fürs Skalpell und der ehedem so ´muster´haften Kommunikation mit einem Dahinter enthoben: Die Sterilität durch Haltlosigkeit ist die letzte Bilanz - eine Art Strafe - der Materie. Heidi Specker folgt ihr in Richtung Ursuppe.

Es sind die Muster, die in poetischer und inspirierender Weise Halt geben: Rinde in Korrespondenz mit Beton. Obwohl ihr Verhältnis wie Wasser zu Öl ist, zeigen sich ontologische Logiken, die Specker durch die blinden Hintergründe parodistisch umso deutlicher macht. Sie beobachtet - gewissermaßen durch den Rückspiegel - teilhaft und detailliert, um das Widerspenstige zu zähmen. Specker zelebriert eine Andacht des Urbanen. ´Im Garten´ erschien bei Steidl im gebührend faserintensiven Leinen und wurde 2005 mit dem Deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet.

 

Heidi Specker - Im Garten  - 2005, Steidl Verlag, 94 Seiten, 46 Bilder

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Slavoj Žižek - Der neue Klassenkampf

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Slavoj Žižek:  Der neue Klassenkampf - Die wahren Gründe für Flucht und Terror (Ullstein, 96 Seiten)

 

Die Flüchtlinge wollen die freie globale Warenzirkulation nun auch auf Menschen ausweiten. Für Slavoj Žižek sind die Flüchtlinge der Preis der globalen Wirtschaft und der Politik. Diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu, doch Žižek mixt sie in seinem Aufruf zum neuen Klassenkampf zu einer sarkastischen Pointe: Biete den Flüchtlingen einen gemeinsamen Kampf an, da unsere Probleme heute gemeinsame Probleme sind (80)! Žižek sieht die Lücke der fehlenden radikalen Proletarier geschlossen, indem wir von außen importierte Revolutionshelfer aktivieren (88).

 

Das war es dann aber auch schon mit dem neuen Klassenkampf, denn es fehlen sowohl Vertiefung all dessen als auch nachhaltige Ratschläge. Der Wüterich Žižek wettert zwar - durchaus zurecht - gegen linksliberalen Muff, macht aber vor allem schwer nachvollziehbare Gedankensprünge und dürfte mit der Schrift kaum Massen gewinnen, da sich seine Elfenbeinturmphilosophie wie ein Furz in der Badenwanne gebärdet. Es blubbert, weil Gase entweichen.

 

Das Buch taugt nicht als Vision, durchaus aber zur Analyse: Der globale Kapitalismus brauche die westlichen kulturellen Werte nicht mehr, um reibungslos zu funktionieren (17), es geht auch ohne Tante Emma und - auch ohne TTIP - ohne lokale Befindlichkeiten, denn die Maske der kulturellen Vielfalt wird aufrecht gehalten durch die faktische Universalität des globalen Kapitals (16). Habe ich den Hinweis überlesen, dass alle Staaten der Erde die wirtschaftlichen Interessen internationaler Konzerne decken!?

 

Dass die Ausschreitungen in Ferguson keine positive utopische Dimension artikulierten (32) mag tragisch sein, doch wie Žižek die Kids dort für seinen Klassenkampf gewinnen will, bleibt unangesprochen. Im täglichen Abendgebet möge jeder Europäer diesen Zusammenhang bedenken: Der liberale Westen ist für Muslime deshalb so unerträglich, weil er Ausbeutung und Gewaltherrschaft nicht nur praktiziert, sondern diese brutale Realität wie zum Hohn als ihr genaues Gegenteil verkleidet, nämliche als Freiheit, Gleichheit und Demokratie (62). Der Westen ist, neben dem Osten, eben auch ein Fatal. Multikulturalismus wandelte sich sogar in eine Form von gesetzlich geregelter wechselweitiger Ignoranz oder von Hass (79). Dialektik scheint im Zuge der wirtschaftlichen Stringenz ihre Zweipoligkeit verloren zu haben, denn alles ist jetzt die eine Münze des Kapitals der Konzerne.

 

Und wie sollen wir nun miteinander umgehen!? Žižek empfielt statt des ewigen Weichei-Verstehenwollens in der Emphathiefalle betreffs des Anderen (der Flüchtlinge) das Einander-aus-dem-Weg gehen, die Diskretion. Entfremdung sei die Lösung! (67f). Wie wahr: In Berlin, Frankfurt und anderswo leben verschiedene Ethnien seit Jahrzehnten wunderbar erfolgreich miteinander aneinander vorbei. - Das mag aktuell den Zwangsinitiativen der Integrationsparolen wiedersprechen, doch wird sich das sicher einpendeln.

 

Und was ist nun die geniale Klassenkampfansage? Žižek reißt im letzten Kapitel "Was tun?" die Utopie der globalen Militarisierung aller gesellschaftlicher Bereiche an (76), ohne aber das Militaristische nachvollziehbar zu erläutern. Nur mal eben den Slogan der Entmachtung einer sich selbstregulierenden Wirtschaft auszurufen, ist zu wenig.

 

Mit Verlaub: Da saß Žižek neulich in seiner Datscha und dachte sich, mal wieder eine Europa-Buchreise vor Presse und TV tun zu wollen, damit das Geld im Kühlschrank nicht ausgeht. Und also: So ein nach Manifest klingender Titel wie "Der neue Klassenkampf" klingt geil. Also, hinsetzen und ein Philosophiesimulat mit Aktualitätsschock und Panikprognose tippen.

 

Wenn selbst Žižek nur noch rumschwurbelt und nicht mehr krass die Schwerter wetzt, dann scheint doch sehr viel verloren.

 

Update 20.3.

Ein spannendes Interview mit Žižek vom 30.1.2016 in der NZZ

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Gebookdingst 3

#Überwachungskapitalismus

Wie wir Googles Sklaven wurden - von Shoshana Zuboff in der FAZ vom 5.3.2016

Nochmal lesen! Das scheint ja die ultimativste Analsye zu Internet, KI und Überwachung zu sein!

 

Is das schwierig oder kann das weg?

Umberto Eco: niemand scheint wirklich durchdrungen zu haben, was sein wirkliches Anliegen war. - Bei Netzpiloten und Der Freitag

 

Das Internet nach dem Internet – Eine persönliche Anamnese von Michael Seemann

ctrl-verlust.net - "Die neue Netzgeneration setzt sich nicht mit Netzneutralität auseinander. Sie interessiert sich nicht für Netzsperren oder Datenschutz. Schlimmer noch: für sie ist das Netz kein Begriff mehr, der überhaupt etwas neues verheißt. Sie empfinden keinen Drang alles verstehen zu wollen. Das Netz ist halt da. Es ist ein Alltagsgegenstand, mit dem man Dinge machen kann" ... Andererseits: "Pegida ist unser arabischer Frühling".

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Ich folge einem Faschisten

Ich folge bei Twitter einem Faschisten. Habe immer wieder überlegt, ihn rauszuhauen, aber es sind einfach so unglaublich dreiste Wut-Horizonte, die ich von ihm erfahre, dass ich ihn bislang nicht löschte.

 

Schecklich: Sein Weltbild ist brutal auf Hass programmiert. Mit jedem Tweet, den er abläßt, steigert er sich weiter in seinen Wahn und nimmt mir jede Vision, wohlmeinend einzugreifen.

 

Würde ich ihn auf einer Party kennenlernen, wäre ich vermutlich genauso sprachlos und hilflos. Da aber gäbe es die Gelegenheit über das Vis a vis auf ein gemeinsames Bier. Online dagegen herrscht ausschließlich die Härte der Worte. Kein Wunder, dass die Gesellschaft online eskaliert: wirkliche Nähe, Emphatie usw gibt es nicht, alles ist abstrakt.

 

Auf der Party ließe er sich nicht so einfach wegzappen (entfolgen) wie bei Twitter. Womit wir bei einem noch irritierenden Bild sind: Bei Social Media scheinen alle Geschmacksrichtungen gesondert und exklusiv auf je getrennten Partys in den je eigenen Timelines unterwegs zu sein. Das wie auch immer geartete Ich scheint radikal das Maß für den erlaubten Input zu sein und im Notfall gibt es halt Single-Partys: Alle sind Abgrenzungs-Zombies im eigenen Ghetto des je Guten.

 

Also: Ich folge dem Deppen weiter! Bin sowohl multikulturell als auch multirestistent begabt und folge bei Twitter ja auch vielen anderen Spacken mit Macken. Weltbilderweiternd sind alle.

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Das Digital-Manifest

#gelesen

Das Digital-Manifest - Spektrum der Wissenschaft - Sonderausgabe November 2015 - download

 

Gesellschaftliche Institutionen ziehen gerne Wissenschaftler zu Rate, wenn es um Entscheidungen über komplexe Zusammenhänge geht. Deren fundiertes Wissen wird dann aber oft nicht berücksichtigt, weil Sachzwänge und Lobbyisten dazu zwingen, Bedenken über Bord zu werfen.

 

Die Debatte um Künstliche Intelligenz (KI) ist eine neue Herausforderungen inmitten eines real werdenden Science Fiction:  Unter dem Titelthema IT-Revolution thematisiert das Magazin "Spektrum der Wissenschaft" in DAS DIGITAL-MANIFEST "Digitale Demokratie statt Datendiktatur" in einer Sonderausgabe. Fachleute warnen darin vor einer Programmierung von Mensch und Gesellschaft und von einer Politik des effizienten Durchregierens, ohne Bürger weiter in Entscheidungsprozesse einbeziehen zu müssen (S.9). 

 

Wie bei der Manipulation von Autos im VW-Skandal können Algorithmen auch Meinungen manipulieren (29). "Lernende Maschinen berechnen einen Stimulus, damit wir etwas Bestimmtes tun oder uns in bestimmter Weise verhalten" (36). Das alles ist mittlerweile sogar längt Allgemeinwissen: Smart Phones, Smart Cars, Smart Houses, Smart Watches, Smart Doctors: alle Daten landen im Übergehirn von digitalen Intelligenzen, die uns zum Dank für die Nutzung effektiv überwachen. Die Smart Nation und der Smart Planet sind nahe liegend. Werden Bürger also zu digitalen Sklaven, die nur noch fremde Entscheidungen ausführen (12)?  

 

Das Ganze läßt sich noch steigern, wenn wir nicht nur ausgetrickst, sondern auch bestraft oder belohnt werden (38). Diese "Big Nudging" genannte Strategie mit Bonuspunkteprotokoll („Citizen Score“) und Bravheitsbefund findet betreffs Karriere und Alltag perfektioniert in China ihre Anwendung. In 90 Ländern sei Big Nudging bereits als Gesellschaftskontrolle installiert. Es geht um gezielte Entmündigung des Bürgers durch staatlich geplante Verhaltenssteuerung (16). 

 

Die Systemenwicklungen rund um die KI laufen ultra. Der Philospoph Thomas Metzinger (Autor von "Der Ego-Tunnel") warnt vor einem "Fukushima der Künstlichen Intelligenz", wenn sich eine autonome KI von ihrem lokalen Rechner löst und beginnt, sich frei im Netz zu bewegen wie ein Virus (42). Ein KI-Wettrüsten könnte zudem, wenn Staaten mit kommerziellen Siegeszielen mit unterschiedlichen Systemen aufeinander los gehen, zum knallharten KI-Krieg führen. Da die menschliche Wahrnehmung unmittelbar von der je normierten KI geleitet würde, warnt Metzinger im Fall von eklatanten Fehlleistungen sogar vom Ende der menschlichen Zivisilation (41).

 

Wie heute bereits bei der menschlich kaum mehr steuerbaren "finanziellen Kriegsführung" an den Börsen, werden wir in kleinen Schritten immer größere Teile unserer Autonomie an die intelligenten System abgeben (41), ohne Sicherheit über deren tatsächliche Güte für die Gesellschaft zu haben. Dies zu illustrieren fragt Metzinger, ob es angesichts der Tatsache, dass ein Prozent der Weltbevölkerung 50 Prozent des Weltvermögens besitzt, eine demokratische gewählte Regierung gibt, die es mit dieser Macht aufnehmen kann (43). - Danach sieht es nicht aus. 

 

Den Menschen mit einem Automaten gleichzusetzen und den Apparaten bessere Kompetenz zuzuschreiben ist ein gern gepflegter Irrtum von Technikfanatikern: Komplexe Systeme wie Mensch und Gesellschaft aber lassen sich nicht lenken wie ein Bus (39) und Superintelligenzen können sich kaum mit der verteilten, kollektiven Intelligenz der Bevölkerung messen (14). - Oder doch!? Jedenfalls werden menschliche Kompetenzen nach und nach an Apparate ausgelagert, wodurch der Mensch in der Regel relativ unbezahlten Urlaub erhält.

 

Die Autoren des Manifests geben Ratschläge. Pluralität, Dezentralisierung, Transparenz, authentische Mitsprache etc. seien zu verteidigende gesellschaftliche Essenzen. Doch leider klingen die Ratschläge einer Technologiefolgeabschätzung 2.0 zwar extrem wichtig, aber "nur allzu menschlich". Es könnte der Fall sein, dass die Gesellschaftsmaschine schon längst weiter ist, als wir wahrzunehmen vermögen, dass die KI das allzu Menschliche längst in der Zange hat, die Meinungskriege längst erfolgreich führt und bereits Kontrolle über alles hat. Was, wenn Wachrütteln keine effektive Option mehr ist (44)!?

 

Die Gewinne für Börsenhändler mit den besten Algorithmen können beträchtlich sein (43), die polizeistaatlichen Kontrollen mit KI aufgrund von Terrorismuspanik sind effektiv, und KI-Entwicklungen sind, solange der Kalte Krieg und die andern Kriege nicht überwunden sind, dabei, in unüberschaubare systemische KI-Kriege zu führen. - Somit sollte dem Manifest vielleicht doch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden: Man sollte nicht davon ausgehen, dass eine künstliche Intelligenz in unserem Sinn ethisch gute Werte haben wird, nur weil sie superintelligent ist (42).

 

Nach Griechenlandkrise, Flüchtlingshallo und jetzt Flüchtlingsbash darf man sich fragen: woher kommt der je so intensiv kollektive Meinungswahn, der den Nachrichten folgt. Sind es wirklich die Medien, die doch, von einigen abgesehen, tapfer versuchen, aufzuklären, zu versöhnen und zu vermitteln? Es bedarf weder Verschwörungstheorien noch dem Argument, sie, TV oder Internet würden doof machen, um zu behaupten, die Medien sind längst nicht mehr der Hauptprozessor der Wertevermittlung. Sitz ein Gnom in all den Kommunikationsmodulen, ein Algorithmus, der gerade übt, unsere Grenzen zum Wahn zu testen?

 

Auch das Internet ist nicht zwingend der Hauptprozessor der Wertevermittlung. Es leistet nicht automatisch Kommunikation und Völkerverständigung, selbst wenn wir uns das nach wie vor einreden. DAS DIGITALE MANIFEST spricht immer wieder von humaninkompatiblen Meinungsclustern aufgrund von kommunikativen Engstirnigkeitsparametern, wodurch eine Gesellschaft in isolierte Subsysteme zerfällt, die sich gegenseitig nicht mehr verstehen (45): Die daraus folgende Konsensunfähigkeit sei exemplarisch in den USA zwischen Demokraten und Republikanern zu beobachten. Dort sind die emotionalen Lager derart konträr, dass es scheint, man würde mehr nicht im selben Land leben. Es herrscht Krieg, weil Meinungen nicht mehr miteinander zu Kompromissen gebracht werden können (11).

 

Gerhard Weikum, Direktor des Max-Planck-Instituts hält dagegen: Die Tendenz, dass Bürger unmündiger werden und sich von populistischen Trends manipulieren lassen, gibt es schon länger. Technologie verstärkt und beschleunigt solche Trends, aber man kann den Zeitgeist nicht nur auf Technologie abwälzen (49). Wenn also das Emotionale in den kommunikativen Schnellschüssen zu einer Gesellschaft der Hasskommentatoren führt, ist die Debatte darüber auch unabhängig von den Kommunikationsmedien zu führen. Nicht sie haben Schuld, dass Verstand, Vernunft und das für den Menschen eigentlich so typische Denken immer weniger zum Einsatz kommen. Auch kann den Medien keine Schuld zugeschrieben werden, dass sich der Mensch die irdischen Komplexitäten immer weniger anzueignen und immer weniger auf die Barrikaden zu gehen scheint. Vielleicht ist der Mensch ja einfach nur verpeilt, feige und verwöhnt, also dumm, faul und gefräßig.

 

Das Manifest hat bislang - wie viele andere der letzten Jahre - keine Massenbewegung hervorgerufen. Der Grund kann denkbar einfach sein: Man daddelt bei Facebook rum, hat Vertrauen in Technik und weder Zeit noch Lust, sich mit Höherem, geschweigedenn "anstrengend Komplexem" zu beschäftigen. Eine derartige Haltung verstärkt aber sowohl den Kontrollverlust über all die technischen Spielzeuge, die uns in der Hand haben, als auch die Machtverhältnisse: Einen wesentlichen Punkt gesellschaftlichen Engagements sieht Weikum in der Regulierung der KI-Nutzung durch die privatwirtschaftliche Verwertung der großen, auf Eigennutz bedachten Internetakteure (51). Es sind aber eben diese Privatkonzerne von Google-Alphabeth bis Facebook, die mit Hochdruck an künstlichen Intelligenzen arbeiten. Weniger (wie behauptet, die Wette gilt!) um das Gemeinwohl zu stärken, sondern ehr, um nachhaltig die eigene Macht zu sichern. Dem auszuweichen, schlägt Weikum ein öffentlich-rechtliches Internet vor (ebd). Das aber klingt angesichts des fortgeschrittenen Stadiums des Science Fiction, in dem wir leben, ein wenig naiv, denn: spät.

 

Mit oder ohne Medien: Es war für Menschen noch nie so schwer, die Welt zu durchschauen - und zu lenken. Noch vor der Etablierung des Fernsehens gelang Hitler ein beeindruckender Massenwahn. Heute ist zwar alles "zu unserer Sicherheit" überwacht, aber nichts ist vor indirekten und nicht wahrnehmbaren Machteinflüssen geschützt, Hetze ganz neuartig zu steuern. Die Mahner des DIGITALEN MANIFESTS lassen erahnen, dass unsere Entscheidungen und Wünsche längst von Systemen gelenkt werden. Ob man sie intelligent nennt oder nicht: unser Denken, unsere Freiheit, unsere Demokratie sind gehackt (13).

 

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Lüge, Turbokapitalismus und die Leute im Land

Welch wunderbare Textanlyse in Die Zeit: Thomas Fischer zerlegt in "Die Lügenpresse" einen Kommentar in der FAZ, in dem lapidar über eine Attacke auf ein Asylbewerberheim berichtet wird. So trefflich und lustig die Analyse ist: Andauernd erkenne auch ich beim Genuss von Zeitungen, Internet und Radio Worte, die in ihrem Zusammenhang fahrlässig gesetzt sind und das Gegenteil dessen bewirken, was sie vorgeben. Die "schnellen Medien" plappern.

 

Dass Fischer aber darüberhinaus massiv den Turbokapitalismus angeht, tut dann mal wirklich gut, denn in Zeiten, wo TTIP fast real ist, ohne gesellschaftlichen Aufruhr zu bewirken - ich sehe nicht, dass es eine Debatte über den Turbokapitalismus gibt: "Nicht Gleichheit und Solidarität ist das Ziel des Menschseins, sondern Ungleichheit und Sieg. Demokratie ist keine Form der Verwirklichung von Gerechtigkeit, sondern von Marktmacht". Man lese die Passage über Kindererziehung.

 

In Folge dieser Entwicklung durch Wirtschaft ultra (seit Schöders Hartz V) hat die Armut in Deutschland eklatant zugenommen. Keiner kümmert sich um die sogenannte Unterschicht (ausgestorbener Begriff bei der SPD). Doch nun müpft die von der SPD "Pack" genannte Unterschicht auf, meckert: "Pegida und AfD sind also am Ende nichts anderes als unsere eigenen, deutschen Ausländer".

 

Das sei mal eben festgehalten.

 

 

Update 06. Feb.

Das Pauschalgeplärre gegen "das System", so Kurt Kister, ist nichts im Vergleich zu Debatten der Vergangenheit (RAF, Nachrüstung) und somit aushaltbar und "normal". - Und gleich darüber in der SZ heute "Schlechter Film" von Carolin Emcke" ganz wunderbar der Vergleich des Pegida-Weltbildes mit "Scripted Reality", wie es in (schlechten) Doku Soaps inszeniert wird.

 

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Protest und die Kommunikationsguerilla

#gelesen

Protest! - Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt von Srdja Popovic und Matthew Miller - 2015

 

Sehr lesenswert! Ein Ritt durch die Geschichte des friedlichen Widerstands. Srdja Popovic aus

Belgrad stürzte 2000 mit der von ihm mitgegründeten Gruppe OTPOR! Slobodan Milosevic. Seitdem ist Popovic weltweit in Sachen Revolution unterwegs, gibt Seminare, Empfehlungen und Warnungen - Attac hält er wegen des zu aggressiven, einseitigen und also nicht globalisierbaren Namens wegen für gescheitert.

 

So leidenschaftlich die Anregungen sind und so süffig das Buch geschrieben ist, Letzteres ist durchaus nachträglich: Es liest sich wie flottes Kleines Fernsehspiel für Aufmüpfungswillige - im Tonus eines Alterswerks. Es kommt zwar wild und frech und leidenschaftlich daher, ist aber ehr ein Lexikon der Umstürze als ein Seelenverstärker für Protest.

 

in diesem Zusammenhang #nochmalgelesen:

Handbuch der Kommunikationsguerilla von Luther Blissett & Sonja Brünzels, 1997 - Die Anleitung zum subversiven Aktionismus rezensierte ich einst für "European Photography".

 

Der wie ein ´Wie repariere ich mein Auto´ aufgemachte Ratgeber verspricht ´Pannen zu beheben´: die Panne Öffentlichkeit. Das Buch stiftet dazu an, das Gelingen öffentlicher Vermittlungsprozesse außer Kraft zu setzen. Die Kunst des Fälschens ist Programm. Vortrefflich eignen sich beispielsweise Hauswurfsendungen und Plakate zur Agitation - sei es zur Aufforderung von Notopfern für Arbeitgeber, zu Bekanntgaben von Gasmaskenausgaben, des Entsorgens ´gebrauchter Batterien in den Briefkästen der Bundespost´, oder der Verlegung einer Wahlveranstaltung in einen Nachbarort. Nachahmenswerte Beispiele gibt es reichlich. So standen während des Berliner Weltklimagipfels - wie empfohlen - Kühlschränke ´gut sichtbar an der Straße´, nachdem die Stadtreinigung zu einer ökologischen Sonderaktion aufgerufen hatte. Oder Tatort München: Schwarzfahrer hatten es während des Weltwirtschaftsgipfel schwarz auf weiß, denn die gefälschte Kundenzeitung des MVV bat darum, S- und U-Bahnen kostenlos zu benutzen, ´um einen Verkehrskollaps zu vermeiden´.

Die ´Kommunikationsguerilla´ bietet vorbildliches Anschauungsmaterial fürs kommunikative Dreinschlagen. Schließlich ist das falsche Leben im richtigen Konformismus produktiver als die zeitgemäße Correctnes zur falschen Zeit. Aber: Vom Einfallsreichtum der ´Spaß-Guerilla´ haben alle längst gelernt: Institutionen und Parteien nutzen die Irreführung, um die eigene Macht subversiv zu stärken. Nicht nur die Verlautbarungspolitiker, auch die Medien sind professionelle Fake-Factories. Der gesellschaftliche Hauptprozessor scheint auf Zersetzung programmiert, die Subversion selbst oberstes Prinzip zu sein.

 

Fazit:

Das Buch zur ´Kommunikationsguerilla´ schien mir schon damals ein wenig kindisch, "Protest" dagegen ist mir zu aggressionslos. - Nun ja: es soll aber auch um friedlichen Widerstand gehen. Also: weiter so!

 

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Sand ist Mangelware

Ich lese grade: "In drei Jahren verbaute China mehr Zement als die USA im 20. Jahrhundert" (Die Zeit 14.1. S.21) - Unglaublich! - Erinnert mich an die Doku "Sand - Die neue Umweltzeitbombe", die aufzeigt, dass Sand weltweit Mangelware ist - Film ist bei Vimeo. Nun wird der Sand für Zement wie blöd aus den Meeren gebaggert.

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In der Kommentar-Falle

Die Zivilgesellschaft müßte das Problem mit den Hasskomentaren bitte selbst gelöst bekommen: Es ist fatal, dass Facebook nun Kommentare löscht. Nun wird, auch noch auf Regierungswunsch, gezielt eingegriffen. Erziehung mit Gewalt. Was Hass ist, ist relativ, jede Meinung kann Jemandem zuwider sein. Nach und nach wird das Konforme des happy speech zur Pflicht.

 

Komplett irritiert aber bin ich über das Thema Meinungsäußerung am Beispiel amerikanischer Universitäten. Ich las soeben "Die Debatten-Polizei" in Die Zeit (14. Jan 16, S. 61f): Es gebe eine Bewegung unter US-Studenten, die mit panischem Minderheitenschutz Meinungsvielfalt von Studenten und Professoren unterbinden möchte und mit Lapalien auf Hexenjagd geht. Ein Professor wurde des Rassismus bezichtig, weil er die Namen zweier asiatischer Studenten verwechselte, Sushi möge nicht in der Kantine angeboten werden, um die guten Originalrezepte nicht zu beschädigen, eine Professorin mußte gehen, weil sie nicht zustimmte, an Halloween zB keine Sombreros tragen zu dürfen, und Studenten wollen (ha!) gewarnt werden - "trigger warning" - ob eventuell traumatisierender Inhalte von Ovids Metamorphosen.

 

In den Seminaren gebe es kaum mehr Hinterfragung von Ansicht und Meinung, es herrsche "gespenstische Konformität", und Professoren stünden unter Angstschock, Opfer harmloser Äußerungen zu werden: "Laut einer Umfrage fordern über die Hälfte der amerikanischen Studenten, ihre Universität solle die Meinungsfreiheit auf dem Campus einschränken".

 

Da bleibt mir das Irritationkommentar glatt im Halse stecken.

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Was interessieren mich Frösche!

Naturschutz ist so out wie Die Grünen blass sind.

 

Die Umweltbewegung, aus der Die Grünen vor Jahrzehnten hervorgegangen sind, ging massiv gegen die Umweltverschmutzung beispielsweise durch Flugzeuge vor. Heute scheinen Flugzeuge geradezu als Luftreiniger am Himmel unterwegs zu sein.

 

Für das globale Desinteresse an Naturschutz vor allem unter jüngeren Menschen gibt es einen Grund: Natur ist einfach nicht mehr erfahrbar. Weder in Deutschland noch sonst wo gibt es Areale, die noch zu 100 Prozent intakt sind und das Prädikat "Dschungel" verdienen.

 

Wie sollen sich junge Leute für den Schutz der Natur begeistern, wenn sie nicht erleben können, was Natur und Artenvielfalt und deren komplexe Zusammenhänge bedeuten. Dass auf Wiesen mal ganz viel verschiedene Blumen blühten (heute Acker), dass in den Wäldern mal ganz viele Tierarten lebten (heute Forst) und auch in den Flüssen und Seen viel mehr los war (heute Gülle).

 

Und Greenpeace!? Greenpeace war beispielsweise Held der Aufklärung über die tausenden Tonnen an radioaktiven Fässern in den Weltmeeren gewesen - die liegen da noch immer. Aber: Greenpeace ist jetzt wie Die Grünen eine Agentur, die vor allem schaut, dass das Marketing stimmt.

 

Das Tier- und Pflanzensterben geht derweil rasant weiter. Doch was interessieren mich Frösche!

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