RADIKALE KOMMUNIKATION

Anmerkungen 2009 zu Twitter.

Folge mir!

Es dürfte derzeit kaum ein Informationsvermittlungssystem geben, das die Vielfalt menschlicher Sinn-Artikulation unmittelbarer vereint als Twitter.com. Die schlichte Frage "was machst du?" ist der Auslöser ganzer Fluten von Reaktionen und Hinweisen. Erst sechs Millionen User sind weltweit dabei, doch das simple Angebot, sich in 140 Zeichen zu artikulieren und sich dadurch in einen globalen Ticker einzuschreiben, kreiert täglich ein größeres Netzwerk sich kommunikativ überlappender Wahrnehmungen und Realitäten.

 

Das Faszinierende an Twitter ist die Einfachheit des aufs rein schriftsprachlich reduzierten Austauschs, der sowohl im weltweiten als auch im kollektiven Ticker der Follower Aufmerksamkeit bewirkt. Die ´Tweets´ entsprechen in etwa den Betreffs von e-mails oder den Inhalten von SMS. Man muss sie jedoch nicht eigens öffnen, um sie zu lesen, und man muss sie weder verwalten noch löschen. Sie rücken von selbst ins Jenseits des Gestern. Wie alles, was täglich geschieht.

 

Es ist, als erhalte man abonnierte Mails von fremden Menschen. Doch der Vergleich zeigt: Kaum jemand würde Getwittertes in Mails versenden. Paradoxerweise sind Tweets viel zu persönlich, damit Freunden in Mails nahe zu treten. Das Inkognito der Masse der Twittergemeinde ermöglicht Nähe und Offenheit, die dem realen Gespräch anverwandter sind als bislang übliche elektronische Kommunikationsformen. Zudem sind Mails stets zielgerichtet zu versenden. Sie zwingen zum Lesen. Tweets dagegen sind Selbstgespräche, die als Leseangebote zwar an alle gehen, von einer personalen Gerichtetheit und der Verpflichtung, sie ernst zu nehmen, aber befreit sind.

 

Twittern prickelt. Es belebt den Alltag als gegenwartsintensiv ernsten Spaß: Einerseits kommen die online- wie die offline-Welt durch persönlich gepostete Hinweise und Kommentare ´nach Hause´ (Günther Anders), andererseits lernt man, der Wirklichkeit in der Lust des Formulierens in knappen Satzpaketen zu folgen. Man beginnt, in flotten Sätzen wahrzunehmen. Ekstatisch läuft die Wahrnehmung ultra. Es ist eine geistige Bereicherung, eine Schärfung der Sinne, dem Lebensumfeld Originelles abzugewinnen und es dem System zuzuführen. Alle Ecken des Daseins warten mit Erkenntnissen, Geschehnissen und Skurrilitäten auf, die im global-persönlichen Bookmarking Relevanz erzeugen.

 

Je mehr Leuten man folgt, desto komplexer erfährt man vom ganz normalen Wahnsinn des Lebens. Man sinniert übers Frühstücksei, flucht im Stau und übers Wetter, berichtet aus der Kantine und von den Strapazen der Arbeit. Am Abend ein paar Kulturtipps, man erfährt, wo das Bier schmeckt, und wenn der Chef dann spät mal nach Hause kommt, rülpst er schon mal noch was Lustiges in die Runde. Alles recht locker. Neben Banalem und Poetischem sind vor allem die Fülle an Linkhinweisen spektakulär: Ob Filme, Artikel, Webseiten oder Bilder, in der Wahl meines Followings entsteht eine persönliche Redaktion, die mir in Echtzeit ein Patchwork der Welt bietet. Interessantes reiche ich im Schneeballeffekt weiter oder merke es mir mit nur einem Klick.

 

Die eigenen Tweets werden zum Bookmark-Gedächtnis. Wie in Blogs lassen sich Eintragungen weit zurückverfolgen. Oft geht es schneller, sich über Twitter mal eben etwas zu merken, als Mr. Wong, Delicious, die eigene Ablagesystematik oder die Pinnwand zu bemühen. Keine Ahnung, ob Twitter alte Tweets ewig konserviert, keine Ahnung auch, ob tiny URLs ewig halten, die Postings sind ein Protokoll meines Dasein.

 

Absurd genug, Kommunikationszusammenhänge rückwärts entziffern zu müssen. Es ist müßig, die Updates Anderer zurückzuverfolgen. Nur kontrollwütige Innenminister, Historiker, Konsumdatenjäger, Rechteabmahner oder in mich Verliebte werden all meine Tweets rückwärts gen Anfang genießen. Die Fluten der gespeicherten Hinweise stehen ein für den allgemein schwierigen Umgang mit Geschichte. Twitter garantiert die Kompostierung des Gemeldeten, obwohl alles erhalten wird. Man hat mit dem Aktuellen und mit dem, was da kommt, genug zu tun: Das System ist auf die Zukunft gerichtet, auf das, was soeben formuliert wird, was sich jetzt zeigt und in jedem Moment und immerfort. Und es konzentriert sich auf die Frage, was ich jetzt bitteschön mache.

 

Daß Twittern süchtig machen kann, wird täglich direkt wie indirekt getwittert. So sei kurz innegehalten, der kommunikativen Strategie des „Zwitscherns“ auf den Zahn zu fühlen.

 

 

 

Fraktale Identitäten

 

Man wirft mit Häppchen: Die Verlautbarungen im Twitter-Ticker sind Splitter, Identitätsfragmente des Schreibers sowie Fragmente der Wirklichkeit, die mitvermittelt werden. Eine einzige Aussage sagt so wenig über die Person, die sie postet, wie ein einzelner Tweed wenig über das Gesamt des Lebens sagt. Erst eine gewisse Summe der Splitter läßt sich verbreitende Themen nachvollziehen, erst eine gewisse Summe von Tweets einzelner Personen läßt deren Charakter erahnen.

 

Das dem Web 2.0 entsprungene Tool kommt dem durch die Postmoderne notwendigerweise vorbereiteten Bedürfnis entgegen, auf kulturelle Geschlossenheit und kollektive Sinnvorgaben verzichten zu können – ja zu müssen. Zwar gibt es dominante Nachrichtensysteme (Tagesschau etc.), doch individuellen Informationsvermittlern (Blogs und andere Kommunikations-Tools) gelingt es, Information als persönlich-authentische Empfehlungen zu verbreiten. Wenn ich eine Meldung der Tagesschau twittere, wird die Meldung durch mich geadelt. Und wenn sie mir getwittert wird ebenso. Die Eine Wahrheit ist dabei mindestens in der westlichen Kultur verdrängt von Wahrheiten, die sich jeder selbst besorgen muss und die jeder auch selbst kreieren kann: Die´Postmoderne hat, wie Wolfgang Welsch 1991 verkündete, das ´Abrücken von der Monokultur des Sinns und vom Logozentrismus´ ausgiebig zelebriert (Welsch: Ästhetisches Denken, 82), sie hat aber den ´im Plural Lebenden´ in seiner Orientierungssuche herzlos alleine gelassen (ebd). Nun nehme man also die Weltkommunikation selbst in die Hand!

 

Längst werden die überbaufreie Sinnsuche und die elaborierte Sinnproduktion als kulturell notwenige Herausforderung versiert praktiziert. ´Zerstreuung als eigenständige Wahrnehmungsweise´ (vgl. ebd., 60) tastet in einer Art spontanen Rasterfahndung das Gesamt des Gebotenen nach Essentiellem ab. Da Wissen heute fragmentiert rezipiert wird, da, wie Jean Baudrillard sagte, "die Transzendenz ... in Tausende von Fragmenten zerbrochen" ist (Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Elektronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie, 1989, 113), bleibt nur, das Detail als Mikrosinn zu adeln. Jenseits von wahr oder falsch, von gut oder böse ist das Detail ein Dummy der Gesamtperspektive, das ehr nach den Kriterien schön oder unschön und unterhaltsam oder langweilig beurteilt wird. Auf die wunderbar anzusehenden, sich aus mathematischen Formel visuell darstellbaren fraktalen Geometrien anspielend, sprach Baudrillard von der ´fraktalen Zersplitterung´ (Transparenz des Bösen, 1992, 9f) der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Es gebe keine Revolution mehr, nur noch Zirkumvolution (vgl. ebd.).

 

Die Twitter-Kommunikation passt bestens in diesen gesellschaftlichen Anspruch nach autonomer Informationswahl und selbstverwalteter Rezeption: Sinn-Fragmente jagen durch den Ticker, Stellungsnahmen und Empfehlungen sausen herbei. Die Gemütslagen werden mit realweltlichen Fakten gemixt, und Ratschläge, Fragen und Hinweise wuchern im globalen Gewitter zu einer stetig sich erweiternder Öffentlichkeit. Wer nicht begreift, die tausend gebotenen Kommunikations-Splitter trans-fraktal zu begreifen und als Mikrosinnzusammenballungen komplex zu verdichten, wird im Web 2.0 kaum weiterkommen.

 

Man mag von medialem Exhibitionismus und Voyeurismus sprechen (Ramon Reichert: Amateure im Netz, 2008), man mag die neue Form der Selbstthematisierung als Identitätsmanagement und Selbstcoaching analysieren und die Vermarktungsfähigkeit der eigenen Person unter Kapitalismusverdacht stellen (ders.), die Steigerung der Selbstreflexivität und des Selbstmanagements bleibt eine unausweichliche Herausforderung: Wer in den fraktalen Inszenierungen zwischen Myspace, Youtube, Facebook, StudiVZ, Twitter, Lastfm, Blipfm und anderen Spielwiesen keinen Überblick gelingt, fällt angesichts der Fragmenteflut orientierungslos auseinander. Es scheint darum zu gehen, die Scherben zu nutzen, sie einzubauen in die eigene Identität. Und es geht darum, ständig Identitätshinweise zu produzieren. Wer folglich in sozialen Netzwerken zuhause ist, hat in der realen wie in der virtuellen Welt umso geerdeter zu sein.

 

Der kleinste gemeinsame Nenner der Twitter-Erfahrung ist als Zusammenfassung aller Persönlichkeiten und Tweets ein diffuser, aber höchst aktuell erspürbarer Gesellschaftskörper. Man ist Teil dieses Gesellschaftskörpers, da man im Medium spricht. Und man wird, sofern man geerdet analysiert, zum Soziologen, da man selbst sozial im sozialen Gebilde agiert.

 

 

 

Sprach-Gewalt

 

Man spricht über Twitter direkt in die Welt: In die Welt des multisprachlichen ´Everyone´-Tickers, der voller wünschenswert neuer Follower ist, sowie in die Welt der Follower. Wem niemand folgt, der bleibt ungehört alleine, doch Einsamkeit ist in allen Social Communities eine Tatsache, an die man nur ungern glaubt, denn online-Posting verheißt per se Weltherrschaft.

 

Der Echtzeit-Ticker bei Twitter funktioniert so verblüffend einfach und unmittelbar wie Real-Kommunikation, denn er ist auf reine Kommunikation reduziert – auf ca. einen Satz. Profil-Schnickschnack gibt es ebenso wenig wie Zusatzoptionen (die gibt es, twitterbezogen reichlich, doch extern). Die Basis des Austauschs ist, gekoppelt an mögliche Link-Hinweise und ein paar #kommunikative_Tricks, die blanke Schriftsprache. Sie liegt weit näher am lebenden Menschen als das gedruckte Wort der Bücher oder die Meldungen der Nachrichten, denn getwitterte Nachrichten kommen zeitauthentisch als persönliche Empfehlung, da sie von Personen mit persönlichem Anspruch in Sprache gebracht wurden und nicht im Einheitssprech von Nachrichtenagenturen geeicht sind. Tweets von Agenturen und Institutionen sind in der Regel ebenfalls persönlich. Die 140 Zeichen scheinen kaum je von Chef abgenommen zu sein, es ist mutmaßlich stets ein Teammitglied, das locker und persönlich Belange der Agentur nach außen gibt. Offiziellen Stellungsnahmen würde kaum jemand folgen.

 

Es sind nicht nur die Inhalte, die eine emotionale Bindung zu den Gemeindemitgliedern stärken. Die Art der Nutzung der Sprache ist bisweilen weit entscheidender für das Interesse am Anderen. Grade von Poesie, Ironie oder Witz, von Sachlichkeit oder Stringenz können – je nach eigenem Anspruch – leidenschaftliches Zuhören verstärken.

 

Die persönlichen Postings aller Couleur sind zumeist offen und ehrlich, politisch direkt und unverblümt. Die Twitterer scheinen sich in der Gewissheit zu wiegen, dass weder staatliche Kontrollorgane, Versicherungen noch Werbefachverkäufer Machtsysteme entwickeln, die größer sind als die Gewalt der unmittelbaren Kommunikation. Tweets mögen bei Bewerbungsgesprächen zur Falle werden, mit dem offenen Wort aber wird die demokratische Forderung nach Meinungsfreiheit postuliert, indem es praktiziert wird.

 

Seit Anbeginn des Internets gilt die Hase-Igel-Frage, ob die Kontrolle von Kommunikation schneller sein kann als weitere Innovationen an Kommunikationsstrategien. Sofern also Kommunikation massenwirksam erfolgreicher sein sollte als Überwachung, sei den Kommunikationshelden empfohlen, Kanäle zu entwickeln, deren Kontrolle technisch noch unerforscht sind. Die Masse – dies mag sich der Einzelne als Teil der Masse hinter die Ohren schreiben - scheint die Macht Dritter ausstechen zu können, wenn er lauter, direkter und intensiver als das ´Offizielle´ in den Medien kommuniziert.

 

Schon Berthold Brecht hatte die Vision des kommunikativ gesellschaftlichen Austauschs durch Medien: In seiner Radiotheorie (1930) setzte er auf das dialogische Moment des Radios. Dann, in den 1970ern hoffte man im Zuge des neuen Mediums Video auf dessen demokratische Einspeisung ins Fernsehen. Doch sowohl Radio als auch TV etablierten sich als einweggerichtete Medien, die die Nutzer zu Passivität zwangen und zu Konsumenten degradierten. Vilém Flusser war es, der in der Einbildungskraft der Computernutzer durch die digitalen Medien ein neues Potenzial der User erkannte: "Die Einbildner stehen nicht über den Apparaten wie die Schreibmaschinenschreiber über den Maschinen, sondern sie stehen mitten in ihnen, sie sind mit ihnen und von ihnen verschlungen" (vgl. 1990: Ins Universum der technischen Bilder, 33). Flusser nennt sie "die gegenwärtigen Revolutionäre, jene, welche dialogische Fäden quer durch die einschläfernden Diskurse spinnen wollen ... sie sind Störenfriede. Sie wollen das dämmernde Bewußtsein wecken ... Sie manipulieren die Bilder, damit den Leuten zu dämmern beginnt ... daß sie sie für Dialoge, für Informationsaustausch und für die Erzeugung neuer Informationen verwenden können ... Was ihrer Einbildungskraft vorschwebt, ist eine Gesellschaft, in der die Menschen miteinander durch Bilder hindurch dialogisieren ... das heißt: nicht den Unterbau der sogenannten ´Informationsgesellschaft´, sondern ihre Oberfläche wollen sie verändern" (ebd. 57f).

 

Die menschliche Einbildungskraft also, die komplex größer ist als sie selbst wissen kann, benutzt die Tools, nutzt sie aus, um ihrer eigenen Komplexität gerecht zu werden. Flusser spricht von einer im besten Sinn des Wortes ´abenteuerlichen Gesellschaft´ (vgl. ebd. 7). In ihr "entnimmt [der Leser] dem Gelesenen nicht mehr [nur] einen Sinn, sondern er ist es, der dem Gelesenen einen Sinn gibt" (Flusser: Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? 1992, 76), indem er bestimmt, was interessant und wahrhaftig ist.

 

 

 

Aufmerksamkeit und Ignoranz

 

Der Anreiz, Communities durch ´abenteuerliches´ Engagement zu bereichern, liegt heutzutage weniger in politischen oder gesellschaftlichen Motiven. Vielmehr sind personale Belange die treibende Kraft: Selbstbehauptung ist ein normales menschliches Bedürfnis. Aufmerksamkeit ebenso. Sowohl im privaten Gespräch als auch bei Twitter und ähnlichen Tools ist die Aufmerksamkeit der entscheidende Kick. Sie ist die mediale Währung. - Wieviele Follower habe ich heute? Wer hört mir (noch) zu? - Ein paar hundert Follower sind eine durchaus stolze Öffentlichkeit.

 

Man kennt die Menschen, denen man folgt, in der Regel nicht. Doch täglich twittern Leute, wohin sie gehen, und manchmal fragt man ´kommt jemand mit?´. Treffen sollten umso einfacher sein, als die Erwartungshaltungen durch die Tatsache des rein kommunikativen Twitter-Austauschs mutmaßlich gering bleiben. Das System bietet kaum Möglichkeiten, jenseits von Sprache Illusionen aufzubauen. Während beispielsweise Myspace geradezu dazu zwingt, visuell zu protzen und Profil-Brimborien zu inszenieren, verbleibt Twitter schmucklos in der Essenz der Worte. Selbst Chat-Foren, in denen man primär gezielt mit Personen kommuniziert, fördern die Gefahr des Angebens mehr als das Twittersystem, das Informationen stets allen zukommen lässt. Man scheint auf gesunde Art in Bescheidenheit auf dem Boden zu bleiben.

 

Nach und nach lernt man seine Schäfchen, denen man folgt, kennen. Ohnehin folgt man ihnen nur dauerhaft, wenn es Übereinstimmungen in Interessen gibt: Twitter ist ein Forum multipler, sich überschneidender Interessensgemeinschaften. Betreffs all meiner Neigungen sollte ich jemanden finden können, dem sich zu Folgen lohnt. 

 

Umso katastrophaler, wenn ein ´Kunde´ mal abspringt: Der Abschied erfolgt ohne Worte, er is einfach weg. Er hat mich gequittert. Ich glaubte ihn als Freund zu wissen, als Mensch, der sich für mich und meine Welt interessiert. Dieses Schwein! Schon der Rückzug eines Followers, dem man nur beiläufig folgt, ist ein Schlag. Doch darf man sich hierbei fragen, ob nicht die Eitelkeit der Statistik – die Zahl der Follower – krankhaft hoch bewertet wird.

 

Im Falle eines Verlusts eines treuen Followers freilich steht das eigene Kommunikationsgebaren in Frage. Was habe ich falsch gemacht?! Dies fragt man sich in ähnlicher Vehemenz wie beim Freundschaftsverlust eines Menschen im realen Leben. Dort freilich folgt der Bruch in der Regel einer konkreten Auseinandersetzung, bei Twitter dagegen wird man den Grund meist nicht mehr erfahren können. Vielleicht musste er ja nur mal entrümpeln und wollte weniger Leuten folgen. Is schließlich ja anstrengend, das Twittern, viele Follower kosten Zeit.  

 

Das Schielen nach der Freundeszahl ist in allen Community-Tools sowohl ein spannendes Erfolgsbarometer als auch ein fataler Selbstbetrug: Die Freunde mögen Menschen sein, die ich wie der Rattenfänger von Hameln gewann, doch bleiben sie in der Regel so unbekannte Wesen, wie die Ratten in der Fabel. Das Gebaren an der Börse scheint sich auf geradezu zynische Weise auf den persönlich kommunikativen Bereich zu übertragen, wenn der Kurs die Inhaltswerte dominiert. Da wie dort wird Ignoranz durch Einsamkeit gestraft.

 

Andererseits sind Follower eine Gemeinde, die mir tatsächlich gesonnen zuhört. Als Autor in einer Zeitung werde ich kaum je erfahren, wer meinen Artikel las. Die Zeitungsöffentlichkeit ist zumeist lokal begrenzt, potenziell groß, doch unnachvollziehbar. Und morgen liegt das Gedruckte meistens im Müll. In Blogs dagegen werden Beiträge konserviert und ich kann sehen, wie viele User die Klickrate erhöhen. Das Twittern als Microblogging nun ist identisch mit der Einschaltquote: Da mag ich noch so sehr an allen vorbeitwittern, das Ohr aller kann mir relativ gewiss sein.

 

 

 

Kommunikative Wertschöpfung

 

Im Verhältnis zu Freunden im realen Raum ist die emotionale Bindung in elektronischen Systemen dennoch überaus skurril. Stimme, Gestik, Aussehen, Augenkontakt und körperliche Sympathie, all das entfällt bei der rein auf Schrift reduzierten Kommunikation. Doch sei darauf bestanden, dass Kommunikation dann als solche gilt, wenn Inhalte verstanden werden. Niklas Luhmann hat das Gelingen zwischenmenschlicher Kommunikation stets als Wunder beschrieben, als Unwahrscheinlichkeit, die trotz diverser Störungsmöglichkeiten möglich ist. Kommunikation im Elektronischen gelingt, wenn an Menschen gerichtete Informationen erfolgreich in Sinnhorizonte eingebunden werden. Dies kann auch ohne Augenkontakt gelingen.

 

Der Einwand Walter Benjamins, die Aura eines Kunstwerks ließe sich authentisch nur im Original erleben, hat sich im ´Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit´ als nicht haltbar erwiesen: Ich kann mich der Kraft der Mona Lisa auch an Duplikaten annähern. Die Erfindung des Telefons mag körperliche Verwirrung bewirkt haben (der andere war nicht anwesend), doch scheint man gewisse Abgänglichkeiten intellektuell und evolutionär ausgeglichen zu haben. Nur am Rande: Schriftgut wie Bücher oder Zeitungen sind keine Kommunikationsmedien, da sie sich nicht explizit an Individuen, sondern an Rezipienten, also an eine kommunikativ nicht direkt erreichbare Inkognito-Masse richten.

 

Twitter nun ist genau der Zwitter zwischen vertraut und anonym: Einerseits richte ich die Tweets allgemein an Rezipienten, an meine Follower, die ich nicht näher kenne, andererseits aber spreche ich habituell alle persönlich an, als würde ich sie kennen, als wären sie mir gut vertraut. – Eine fruchtende Entwicklung des Elektronischen scheint zu sein, dass man erfolgreich unterstellen kann, der andere würde einen bis in die Seele verstehen.

 

Dennoch ist die Abstraktheit der Twitter-Kommunikation eklatant. Ihr Niveau wird das eines semi-Bruderkusses nicht übersteigen können, das reale Miteinander mit Stimme, Gestik, Aussehen, Augenkontakt und körperlicher Sympathie wird nie erreichbar sein. Online-Kommunikation ist ein grandioses so-tun-als-ob. Nichtsdestotrotz scheint gerade und vor allem körperfreie Kommunikation gelingen zu können! Was braucht es Körper, wenn Kommunikation sich vom Körper über Nicht-Körper (Technik) hin zu Körpern verstehen läßt, und wenn sie also trotzdem gelingt?!

 

Dies mag den Eindruck erwecken, Schriftsprache könne sich autonom vom Menschen verbreiten. Gewiss hat der Mensch den evolutionären Schritt getan, in Hörigkeit zu den Maschinen (Günther Anders) selbst roboterhaft zu werden. Dennoch sei den naiven Visionen widersprochen, die Maschinen würden Kommunikation und viele andere Dinge perfekt in die Hand nehmen können. Weit gefehlt: Dem Menschen als chaotisches Egosystem wird auch weiterhin der poetische Vorteil der Kreativität zuteil sein. Ohne ihn würden sich die Systeme und die Menschen, die an ihnen hängen, langweilen. 

 

Die Abstraktheit der Twitter-Kommunikation freilich zeigt sich, wenn es Zwischenfälle gibt. Wenn Follower abspringen. Da das Gejammer auf menschlicher und nicht technischer Seite liegt, ist nach Abhängigkeiten zu fragen: Kann Kommunikation im System spannender sein als die Auseinandersetzung mit Kumpels?! Ist das social Community-Gedöns nicht eine gnadenlose Verarschung grandioser Web 2.0 – Unterhaltungsstrategen? Die Twitter-Nerds mögen sich als Elite feiern, vielleicht aber sind sie die Deppen einer fatalen Abhängigkeit sektenähnlicher online-Freiheitsversprechen.

 

Andererseits: Da treffen wir uns mit realen Freunden und reden und schwatzen. Und merken bisweilen, dass man aneinander vorbeiredet, da sie chronisch im Stress sind oder egozentrisch Einseitigkeiten problematisieren. Da ist es befreiend, nach Hause zur Social Community zu kommen, globale Leidenschaften zu teilen und gezielt Themen austauschen zu können. Da rede ich lieber bei Twitter mit Vielen aneinander vorbei! Bin da befreit vom Muff des körperlichen Leids. Ein Tweed geht schneller vorüber als ein Kumpel, der nervt. Das Elektronische bedeutet Freiraum vor dem Allzumenschlichen, das da schwitzt und mit Einseitigkeiten langweilt. Und: Online-Realitäten (Websites, Blogs etc.) sind kaum in der Kneipe zeigbar. Da musst schon online gehen, Alter, da kann ich sie Dir twittern!

 

 

 

Kosmopolitische Privatisierung

 

Vielleicht wird das vielleicht bevorstehende Web 3.0 die Körper klonen. Wir wissen es nicht. Das Web 2.0 jedenfalls ist eine Spielwiese des kommunikativen Klonens. Identitäten können in Text-, Bild-, Erlebnis-, und Konsumwelten zueinander und in System-Tools gesamplet werden. Das Web 2.0 ist eine gigantische Mitmach-Party und Twitter die bislang authentischste Party-Droge der Interaktion. – Kommunikaze!

 

Tools wie Twitter machen den User ´kosmopolitisch zu einem Menschen, der sich mit Behagen in der Vielfalt bewegt´ (Richard Sennett 1983 (Orig. 1974): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens - Die Tyrannei des Intimität, 30). Eine derartige multiple Orientierung kritisierte Richard Sennett als ´Selbst-Enthüllung, die zum universellen Maßstab von Glaubwürdigkeit und Wahrheit´ wird (ebd. 44). Die Folge: Narzissmus und die ´Ideologie der Intimität verwandeln alle politischen Kategorien in psychologische´ (ebd. 293). Über die Welt lässt sich bei Twitter in der Tat nur aus der intimen Sicht der Privatheit berichten. Es sollte interessant sein, zu prüfen, ob die psychologische ´Nähe dann gleichzeitig Abkapselung bedeutet´ (294). Immerhin kenne ich, so offen und ehrlich ich auch twittere, die Follower nur aus elektronischer Distanz. Kann sein, dass ich demnächst für immer zu Hause bleibe, um nichts zu verpassen, und pathologisch zum Kommunikations-Monster mutiere.

 

Sofern Sennett angesichts des ´psychischen Striptease´ (304) jedoch von einer ´Schwächung der menschlichen Willens´ spricht (294), und betont, ´die Massenmedien befestigen das Schweigen der Menge´ (320), so konnte und musste er von den herkömmlichen Massenmedien ausgehen, die einweg-gerichtet vom Sender zum Empfänger führten (Radio oder TV). Wenn dagegen ´jeder Nutzer zum Knotenpunkt in einem Netz von dialogisch strömenden Informationen´ wird (vgl. Flusser: Ins Universum der technischen Bilder, 1990, 78), kann Twitter geradezu als Installation eines visionären Demokratiemodells herhalten. Bislang ´programmierte´ die Medienstruktur die Nutzer, nun programmieren die Nutzer die Medien - und damit sich selbst. ´Nicht programmiert entscheiden, sondern programmierend entscheiden´ (ebd., 130) ist die telematische Devise der Neuorientierung im Web 2.0. Im Gegensatz zur Einwegschaltung führe sie ins "dialogische Leben" (ebd.). In ihm muss von einer Schwächung des menschlichen Willens nicht mehr die Rede sein.

 

Das Private und Intime also sind die Schrittmacher noch der politischen Willensbildung. Kann dann das Virtuelle der elektronischen Räume überhaupt als öffentlich gelten, wenn all die Tools verlängerte private Wohnzimmer sind?! Nachrichten und Fernsehen sind den Kommunikationshelden nurmehr zweitrangige Zusatzmodule der bisweilen bildenden Unterhaltung, Informationen aus privater Hand dagegen wirken vertrauensvoll und interessant. Da ich mich in Community-Tools als Privatmensch über Logins mit anderen Privatmenschen treffe, ist der virtuelle Raum alles andere als öffentlich. Er ist von Individuen okkupiert, die sich individuell mit Individuen verständigen.

 

 

 

Medienmacht

 

Öffentlichkeit ist offiziell und etabliert. Plätze, Parks und Pubs sind ihre klassischen Austragungsorte. Subkulturelle Treffpunkte und Nischen dagegen gelten geradezu als anti-öffentliche Subversion. Die dortigen Diskurse in überschaubarer Gruppendynamik freilich sind so sehr Kult wie die virtuellen Kommunikations-Treffs im Web. Fern der stets als Flächenbrand sich gebärdenden Öffentlichen Meinung können Weltbilder innovativ und in Eigendynamik entstehen. Die Möglichkeit des Rückzugs ins Private entlarvt das Öffentliche als geradezu monsterhaft: Die Medien (Fernsehen, Radio, Zeitungen etc) rücken den Rezipienten mit Allmachtsgehabe auf den Leib, und die Werbung im Hochhausformat treibt den öffentlichen Orten noch die letzte Seele aus. Wer klug ist, flüchtet ins Trockene, kramt Strickzeug hervor, twittert über das Entstehende und hört, anstatt sich im Radio von Werbung anbrüllen zu lassen, Last.fm.

 

Die etablierten Medien merken, dass die Rezipienten in Nischen flüchten, dass sie vom passiven Informationskonsumenten zum Aktivisten werden wollen. Und die Medien flüchten mit. Sie versuchen es, indem sie bei Twitter auf cool machen und eigene online-Tools zur Wiedergewinnung der Einschaltquoten- und Auflagenstärke einrichten. Clevere User durchschauen das Spiel und strafen die Mitmachbuden der Rattenfängerabsicht mit Ignoranz.

 

Die gegenüber Blogs und Tools bisweilen arrogante Medienhoheit scheint sich zusehends von der Gesellschaft zu entfernen, die lernte, mit den Neuen Medien umzugehen. Wie zur Strafe werden eigentümliche Vorwürfe in Umlauf gebracht: Informationen bei Twitter und ähnlichen Diensten entsprächen nicht der Wahrheit! Diese Unterstellung jedoch zeugt von der Weltfremdheit der Offiziellen, denn weder über Twitter noch über andere Tools hervorgebrachte Inhalte haben den Anspruch, wahr sein zu wollen: Es geht um Kommunikation und nicht um Information! Ich kann und darf in öffentlichen wie virtuellen Räumen in kommunikativer Interaktion doch hoffentlich meiner Fantasie freien Lauf lassen, ich kann und darf noch die absurdesten Luftschlösser bauen und die tolldreistesten Behauptungen artikulieren. Ich darf, mit Verlaub, sogar lügen. Jeder generelle Einspruch dagegen gleicht einem Gedankenverbot. - Besserwisser haben bitte nicht in meinem Tagebuch rumzumeckern!

 

Es muß Aufgabe der Medien bleiben, Information auf deren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen und nicht alles zu glauben, was ergooglebar ist oder getwittert wird. Auch Wikipedia ist nur ein Tool. Es ist peinlich, einer ´Hausfrau´ vorzuwerfen, ihr Tratsch sei falsch. Tratsch ist Tratsch und im kommunikativen Gefüge die vielleicht ursprünglichste menschliche Regung. Der Vorwurf der Falschmeldungen trifft den Kern der persönlichen Freiheit umso härter, als er wie eine generelle Kommunikationszensur auftritt: Praktizieren die Medien selbst keine dialogische Direktkommunikation, so dürfe dies auch sonst niemand tun. Eine derartige Arroganz reicht poststalinistischen Befürwortern des Versammlungsverbots die Hand, doch könnte ein Saurier-Seufzer sein.

 

 

 

Verantwortung

 

Die Kraft der unmittelbaren Twitter-Kommunikation liegt, zumal Wahrheit relativ ist, auch und gerade in wahrheitsübergreifenden Potenzialen: Twitter erlaubt es, auf elegante Weise Ideen, Beobachtungen, Skurrilitäten, Nützliches und Unnützliches, Erfundenes und Gefundenes etc. zu verbreiten. Inhalte, die ich über das System erhalte, erfreuen mich vor allem dann, wenn sie mir neu sind. Allein die Fülle der mir täglich über Twitter anempfohlenen kleinen, doch guten und originellen Webseiten, Bilder und Projekte ist eine Pracht, ein inspirierender Genuß! – Und erneut sei betont, dass die Informationen, obgleich online und öffentlich, noch längst nicht den Status der öffentlichen Meinungen erreichen. Die wird in der Regel von Chefredakteuren und Umfrageprofis gedeckelt.  

 

Informationen sind die Twitter-Meldungen dennoch – weniger für die großen Medien, deren vorgebliches Allwissen die kleinen Perlen des Besonderen gerne banalisiert und ignoriert, - doch für mich! Ich bin derjenige, der zwischen Tratsch und Umfragen meine Öffentliche Meinung kreiert. Ich und Du, wir sind die kummunikativen Schnittstellen zur Wahrheit – die Medien buhlen auch nur mit Angeboten. Ich und Du, wir können selbst entscheiden, was wir lesen und glauben wollen. 

 

Eklatant zeigt sich der Unterschied zwischen privat und offiziell-öffentlich in mediengeschichtlicher Sicht: Spätestens seit Einführung der Privatsender ist eine homogene Informationsvermittlung der Bevölkerung kaum mehr möglich, und das Web 2.0 fraktalisierte die Wahrnehmungsbedingungen wie durch eine Handgranate. Seitdem kreisen und funken die Medien zwar wie Satelliten, der Einzelne aber ist um den Zwang befreit, Höriger der ZDFs bleiben zu müssen.

 

Informationen kann er nun sowohl selbst herstellen als auch selbst vertreiben: Die Information ist das Neue, das noch nicht Dagewesene, das bis dato Unwahrscheinliche. Noch die Lüge, dies wissen einige Medien bestens, ist eine ausgezeichnete Information. Eine Information definiert sich als ein "Unterschied, der einen Unterschied macht" (Gregory Bateson: Ökologie des Geistes, 1985, 408), indem Unwahrscheinliches wahrscheinlich wird und durch den Informationsgehalt den aktuellen Wissensstand erweitert. Dies kann ´von oben´ geschehen, doch – und zusehends leichter – auch ´von unten´.

 

So zeigt sich als Potential von Twitter, dass vernetzte und interaktiv tätige User die sehr ureigene menschliche Fähigkeit der unmittelbaren Rede auf der elektronischen Ebene wiederbeleben können. Der bäuerliche Tratsch und Klatsch und das unverblümte Schwatzen kann sowohl der Informationsbeschaffung dienen als auch Medienkompetenz bedeuten.

 

Dies klingt nach Verantwortung. Und in der Tat lässt sich mit Vilém Flusser sagen: ´Der revolutionäre Umbau des gegenwärtigen Schaltplans der technischen Bilder in einen dialogischen, demokratischen setzt voraus, daß diesbezüglich ein allgemeiner Konsenus besteht. Die Leute müssen es wollen´ (Ins Universum der technischen Bilder, 1990, 56).

 

 

 

Kommunikaze!

Was aber wollen die Leut? Soll das Geschwätz und Gehabe der Unterhaltungsindustrie simuliert werden und die Kommunikations-Ticker verstopfen? Oder gibt es andere Visionen der Informationserzeugung?! Schwer zu sagen. - Leicht zu sagen aber ist, was Information nicht ist: Wenn Information der Unterschied ist, der einen Unterschied macht, auf dem man gerne mit ´aha´ reagiert, so handelt es sich um Nicht-Information, wenn das ´aha´ ausbleibt. Information macht keinen Unterschied, wenn sie nichts bewirkt, da sie keinen Sinn ergibt. Dies dürfte kaum jemand wollen.

 

Information ist sinn-los, wenn es keine Anknüpfung an sie gibt, weil sie z.B. nicht verstanden werden kann. All die massenhaften Tweets, in denen Satzhalbheiten, Wortfragmente oder Satzzeichen gepostet werden, sind Anhäufungen von Schwachsinn, der nichts in den Köpfen Anderen bewirken kann. Dies mag als subversive Taktik durchgehen, nicht aber als ernste Kommunikation. Es ist, als folge man Menschen, die in fremden Sprachen reden. Wer meint, ein ´ups´ zur Nachricht machen zu müssen, möge unter dem Verdacht, nur seine Update-Zahl erhöhen oder im Ticker vorneweg kommen zu wollen, abgestraft werden. Wenn er mit ´ups´ durch die Wirklichkeit läuft, wird er schließlich auch nicht für ganz voll genommen.

 

So sehr die Einschätzungen des Banalen relativ und individualitätsabhängig sind, so lässt sich doch eine Grenze zur Informationskompetenz ziehen: Tweets wie „Das hat gut getan“ ist weniger als die halbe Miete, denn was hat denn nun gut getan. Es mag sein, dass der Satz als Antwort erfolgte und von jemandem verstanden wurde. Dann möge man bitte dennoch in ganzen, verständlichen Sätzen twittern und bei Replys das Subjekt oder den Link mitkommunizieren. Muß man ja nicht immer machen, wäre aber basisanspruchsvoll. Schließlich soll ja dem Dogma der Aufmerksamkeit entsprechend stets die gesamte Gemeinde mit Allem erhellt werden. Nicht jeder umgekippte Sack Reis aber muss die Gemeinde erreichen. Die Meldung „ich koche Kaffee“ kann bei weltweitem Kaffeemangel eine interessante Botschaft sein, als blanker Aufmerksamkeitsausruf aber verstopft sie egomanisch die Systeme. „Gute Nacht, liebe Twitterwelt“.

 

Das Twitter-System ist zu gut, es mit Müll zu verstopfen. Klar, ich kann selbst entscheiden, ob und wem ich folgen will. Die Tendenz des Laberns des Laberns willens aber führt für alle Beteiligte auf dem Niveau der Infantilität in die Sackgasse der geistigen Trägheit. Kommunikation als Sucht mag vordergründig glücklich machen, weil jemand auf mein Drücken von Tasten reagiert. Kommunikation als Seuche aber, in der die Welt in Grund und Boden getwittert wird, wäre eine verheerende Waffe wider die Vernunft. Sie führte zur besagten ´Schwächung des menschlichen Willens´. Wenn es mehr Arbeit bereitet, Gepostetes auf Sinn zu prüfen, als Sinn zu finden, wäre das System für die Katz.

 

Die 140 Zeichen eines Tweets könnten als wertvolles Gut begriffen werden, mit dem man weniger verschwenderisch umgeht als mit den Naturreserven. Es frisst Aufmerksamkeit und Strom. Denn es geht bei Twitter (und anderen Tools) wie bei evolutionären Prozessen sowie der Kommunikation im normalen Leben darum, in wenigen Buchstaben Komplexität – in diesem Fall Vorstellbares - zu erzeugen, auf das man bauen kann.

 

Fragt Twitter mit dem ´What are you doing?´ wirklich nur nach dem ´now´? Nicht vielmehr nach dem ´überhaupt´? Das ´Überhaupt´ könnte eine revolutionär frohe Ermunterung zu radikal stringenter Kommunikation sein.

 

Oder?! – Oder was? – Also ran!

 

 

Kommentare

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Kommentare: 9
  • #1

    Martin (Montag, 05 Januar 2009 20:57)

    Super Artikel. :)

  • #2

    Alexander (Dienstag, 06 Januar 2009 08:57)

    Für eine Anmerkung zu einem 140 Zeichen Tool ziemlich lang ;-)
    Spaß beiseite: den Artikel werde ich später genauer studieren - aber der erste Eindruck: lesenswert!

  • #3

    Hanta (Dienstag, 06 Januar 2009 12:53)

    Toller Artikel.
    Ich würde twitter zusammenfassend so beurteilen, dass sich nach Abzug allen Hypes die Regeln der Real-Life Kommunikation und des Real-Life Freund-Seins auch auf twitter anwenden lassen und mit diesen Regeln lässt sich twitter aus Marketingsicht nutzen und aus privater Kommunikationssicht als Bereicherung erfahren.

  • #4

    martinwaiss (Mittwoch, 07 Januar 2009 08:58)

    @Hanta danke für's Retwittern!

    Ein fantastischer Artikel, mit viel Background-Zusammenhänge und sehr guter Analyse der Befriedigung natürlichster menschlicher Bedürfnisse mithilfe von Web x.0 Tools und Medien!

    Private Kommunikationssucht aus Kommunikationssicht, köstlich!

    Absolut empfehlenswert!

  • #5

    Herberty (Mittwoch, 07 Januar 2009 18:52)

    Bin auch super angetan!
    Auf die stringente Kommunikation!

  • #6

    Steffen (Samstag, 10 Januar 2009 20:44)

    Dein Artikel hat mir auch sehr gut gefallen - auf kurze Antworten.

  • #7

    julia seeliger (Freitag, 28 August 2009 17:01)

    interessant ... einiges habe ich letztens ähnlich in einem (wissenschaftlichen) interview gesagt. (ohne diesen text vorher gelesen zu haben)

  • #8

    4rtist.com#─────██████████════█ (Montag, 26 April 2010 17:40)

    Seit neuestem ist auch vielfältige #twitterART zu finden
    http://search.twitter.com/search?q=twitterart oder http://twitter.com/BLOCKwriting
    Denke aufgrund meines frühen Usernamens /SeX war ich der erste der twitterART gepostet hat. #TwitterART in der Form ( Auffallen mit unicode characters und kreationen ﴾͡๏̯͡๏﴿ )

    ╔════════════════════════════════════╗
    ║█▀▀░███░█░░░█░░░███░█░█░█░░█████░█▀▀║ ║█▀░░█░█░█░░░█░░░█░█░█░█░█░░█░█░█░█▀▀║ ║▀░░░▀▀▀░▀▀▀░▀▀▀░▀▀▀░▀▀▀▀▀░░▀░▀░▀░▀▀▀║
    ╚════════════════════════════════════╝
    http://twitterART.tk#─────██████████════█

  • #9

    Juicer Review (Freitag, 19 April 2013 16:06)

    This is an excellent post! Thank you for sharing!