Orientierung bei Nacht

Zu Studienzeiten gönnte ich mir den Luxus, möglichst viele Tageszeitungen und Zeitschrieften zu lesen, zu Hause, in Kneipen und Bibliotheken. Ich saugte gesellschaftliche Debatten auf wie ein Schwamm. Schon damals, zu Zeiten der Postmoderne, aber beschlich mich ein Misstrauen ob der Methode, gleichwohl sie von einer Vision befeuert war: Wenn alle dies tun, dann kann doch nichts schief gehen im Land.

 

Aber ich tat meine Beschäftigung ziemlich alleine. Die Magazine bestritten sich postkalterkriegmäßig gegenseitig, mein schlichtendes Gehirn hatte Mühe mit all den Theorien und hilflos mußte ich eine gegenläufige Bewegung wahrnehmen: Wider die zersplitterten Elfenbeitürme der Magazine und die Extravaganzen ihres Engagement blieb die Macht von Springer (vor allem mit BILD) unübersehrbar maßgeblich: Massenverblödung und Lüge als Prinzip. Zwar wurde immer wieder dazu aufgerufen, Springer in die Luft zu jagen, dies aber ist nie geschehen. Das rächt sich heute, jetzt haben wir den Salat.

 

Komplexes Denkens lesend zu erleben war anregend, doch auch anstrengend. Denn als kleines Individuum war ich einem Meer an Meinungen und Erkenntnissen ausgesetzt. Bis heute hangele ich mich durch das Gestrüpp der Diskurse und bin auch heute durchaus glücklich damit. Doch ahne derzeit, dass ich der einzige bin, der sich noch für Diskurse interessiert. Bin ich der letzte Mensch?

 

Die Diversität des Denkens wird nicht mehr gefeiert: Meinungsaffekte werden durch die Welt geschossen und nicht immer kompetente Politiker konstruieren bisweilen absurd irrationale Zusammenhänge. Es wird ehr Diffusion zelebriert als Dialog praktiziert.

 

Schon zu Studienzeiten sehnte ich mich nach einer Einheitszeitung. Warum sollte es nicht eine einzige Zeitung geben können, in der sich alle Dispute bündelten!? Das wäre praktisch und preiswert. Doch aber, ok, im Kapitalismus brauchts Durcheinander. Die Folge aber: Es gibt keinen Ort des Gesamtüberblicks. Kein Medium kann ultimative gesellschafltiche Dialogiken juristisch genau und umfassend kommunizieren, alles bleibt relativ, fraktal. Diese Tatsache hat sich seit Privatfernsehen und Internet ins Irrsinnige exponiert und verschrägt. Es ist heute auch im Ansatz nicht für alle Bürger wahrnehmbar, was an Werten und Fazits oder Zwischenfazits relevant sein sollte. Die Wahrnehmung gesellschaftlichen Denkens mutet an wie ein Denken nach dem GAU. Dies ist womöglich die direkte wie eklatante Folge der so "lustigen" Postmoderne.

 

In vergangenen Jahrhunderten wurde viel nachgedacht, sehr viel, mehr als heute. Es existieren abertausende Bücher voller Weisheit, Wahrheit, Schönheit, Klugheit, Diskurs, Vision und Wonne. All diese Bücher zu lesen hatte ich schon damals als Student weder genug Zeit, Geld, noch Muse. Mußte mich auch noch um Anderes kümmern. Damals wie heute ist es menschlich unmöglich, all das Publizierte zu lesen. Doch aber sei deshalb umsomehr die Frage einer grundlegenden Zäsur erlaubt: Wo haben heute die Weisheiten, Analysen und Empfehlungen der großen Denker der Geschichte in der Wahrnehmung noch Platz, wenn bereits kleinste pro-kontra-Nano-Dispute zum diskursiven Blackout führen!? Sie ereignen sich im freien Fall. Ohne weisheitliche Absicherung.

 

Wenn sich Gesellschaft als kommunikative Gemeinschaft versteht, ihr Kommunikation aber nicht gelingt, dann steht auch der Begriff der Gesellschaft in Frage. Womöglich gibt es sie gar nicht mehr und ich, der letzte Mensch, lebt gemeinsam mit all den anderen letzten Menschen in einer Gesellschaftssimulation, die aus Media und Social Media besteht, die zu null Prozent an kommunizierbares Weisheitswissen gebunden ist. Alle und alles sind 0 oder 1: erschieß mich / erschieß mich nicht. Wir sind Jäger und Opfer wie in der Steinzeit.

 

Das Weltwissen, so hieß es immer wieder, sei in den tollen digitalen Speichern total toll verfügbar. Wenn freilich niemand es abruft beziehungsweise die Denkersprache nicht versteht, dann kommen die Speicher einer gigantischen Schreddermaschine gleich.

 

Google vergißt alles! Es ist ein Trug zu glauben, Daten seien wichtig. Wichtig wäre Wissen. Wissen mag sich auf Daten berufen müssen, kann sich aber nur in menschlichen Gehirnen manifestieren (die KI-Trottel mögen mal eben die Klappe halten). Wissen kann zu Weisheit führen (voll out), doch Weisheit wäre ein Ansatz dessen, was Weltliteratur, Wissenschaft und Philosophie hinterlassen sollte.

 

Aktuell sieht es gesellschaftlich so aus, als ob Pfade gelöscht und Spuren verwischt wurden. Dateiname ungültig. In solchen Situationen kann ein Backup helfen. Restverstand könnte man so ein Backup nennen und auch Menschlichkeit. Wenn es kein Backup gibt, bleibt leider nur die radikale Neuinstallation.

 

Ihr folgt die Schnullerphase. Dann: erst mal Sprechen lernen. Dann Lesen und Schreiben. Und wenn auf der Festplatte oder in Schriften noch Resthinweise des historischen Wissens verfügbar sind, kann das Denken einsetzen. Wenn das nicht der Fall ist, dürfte eine Einheitspartei mit Springer-Niveau am Ruder sein. Denn sie fördert kein Denken. Plattheit will platt machen. Das freilich kann durchaus Glückszustände bewirken, denn Stumpfsinn beflügelt.

 

Wer nun meckert, dass es blöde, ja dumm sei, gegen die dummen, von Banalmedien zu Dummheit erzogenen Normalbürger vorzugehen, weil die dann ja zurecht beleidigt erfolgreich Politik machen, dann sei gesagt: Schon richtig, lieber Wutbürger, dass du dich über Orientierungslosigkeit aufregst. Mußt dich halt schlau machen, wie alle anderen auch. Wir sitzen alle im selben Boot!