Die neoliberale Gesellschaftserzählung als alternativlos verinnerlicht

Ein allzu notwendiger Hinweis in Sachen Abdriften nach rechts - "Linke Erzählung verzweifelt gesucht" - findet sich in der ZEIT: Da die neoliberale Gesellschaftserzählung auf breiter Basis als alternativlos verinnerlicht wurde, fehlen die Worte, gegen die Schlagworte von rechts argumentieren zu können.

Mit Konsum die Welt retten wollen

Da steht was Kopf: Weltanschauungen werden zusehends durch Konsum kommuniziert. "Mittlerweile, so Wolfgang Ullrich in der SZ, "verhandeln viele Labels mit ihren Produkten auch die ganz großen Themen: Klimawandel und Kinderarbeit, Flüchtlingskrise und Ressourcenverbrauch". Die Folge ist, dass man sich über sein Konsumverhalten profiliert. So kaufe der "Konsumbürger" schon einmal neue Turnschuhe, nur weil sie keine umweltschädlichen Kunststoffe enthalten, obwohl die aus dem Fair-Trade-Laden erst ein paar Monate alt und eigentlich noch tadellos sind. Weil "ein Bekenntnis glaubwürdiger ist, wenn man großen Einsatz zeigt".

 

Krautrock war gestern - Landwirte und die Bodenkultur

Ein guter Boden bringt gute Erträge. Diese einfache Tatsache scheint in der Landwirtschaft nicht mehr zu gelten, denn die Böden sind mit Gift vollgepumpt und durch Maschinen so platt gemacht, dass oft nicht mal mehr das Regenwasser versiegen kann. Würmer und Organismen, die Böden lebendig und fruchtbar halten, werden in heutigen Bauernregeln nicht mehr geschätzt.

 

Nun lese ich bei netzfrauen über einen Bauer in Kalifornien, der seine Äcker mit Kompost anreichert und durch Würmer und Organismen geniale Erträge erzielt. Die monsantoverwöhnte Bauernwelt beobachtet dies mit Argwohn, doch die Fachwelt stuft diese Methode als Sensation ein.

 

Es irritiert, dass die Fachwelt der monsantoverwöhnten Öffentlichkeit gegenüber belegen muss, dass ein guter Boden mit Wurm und Getier gute Erträge bringt. Dies ist ein Affront wider die Geschichte des Ackerbaus, denn das sollte selbstverständlich sein.

 

Sollte der Wurm also quasi modisch neu entdeckt werden, dann bleibt zu fragen, ob Kulturtechniken überhaupt tradiert werden: Unternehmen wie Monsanto dürften großes Interesse daran haben, alte Kulturtechniken aus dem öffentlichen Bewußtsein wie beispielsweise dem Internet zu tilgen. Sie werden alle Mittel daran setzen, Wurmhinweise zu unterbinden. Denn Monsanto setzt nicht auf Wurm, sondern auf Gift und Bodenzerstörung.

 

Darüberhinaus ist absehbar, dass Lobbyisten aller Art allerleih weitere Bauern- und Lebensregeln, die Jahrhunderte galten, tilgen. Denn erst eine Gesellschaft ohne Gedächtnis ist doof genug, Zerstörung und Ausbeutung bis zum Finale begeistert zu feiern.

V ∝ n² - die Formel des Plattformerfolgs

Interessant. Tilman Baumgärtel erklärt in der Zeit den Erfolg von Internetplattformen: "Weil alle Nutzer mit allen anderen kommunizieren können, ist ein Netzwerk mit zehn Nutzern nicht zehnmal so wertvoll wie eins mit nur einem Nutzer, sondern hundertmal so wertvoll". Alle Monopolphänomene lassen sich dadurch belegen.

Die Facebook-Ablenkung

Carolin Emcke in der SZ über die magere Anhörung von Zuckerberg:

Es sind Unternehmen wie Facebook kein durch Regulierungen zu zügelnder Gegner, sondern im Gegenteil ein nützliches Instrument mit doppelter Dienstleistung für die Regierung.

Automatisierter Finanzhandel: Zu komplex für die Politik?

Die Logik der Börse habe ich noch nie verstanden. Umso erhellender der Text von Martin Ehrenhauser bei algorithmenethik.de: Der automatisierte Finanzhandel verselbständige sich zusehends durch Künstliche Inteeligenz und werde auf politischer Seite womöglich weder mehr verstanden noch reguliert werden können.

 

Na denn, na sowas  ... kann ich das also nicht mitregulieren ... kannst Du es!? - Ist überhaupt noch jemand da!? - Huhu, hallo!?

Slavoj Žižek: Cambridge Analytica und die Glücksforschung

Cambridge Analytica und die Glücksforschung

Slavoj Žižek in der ZEIT über den Einsatz großer Datenmengen zur Messung von Gesundheit und Glück mit dem Ziel einer Verbesserung des Wohlbefindens und die bizarre Überschneidung von Forschung zu Themen wie Liebe und Güte mit militärischen und geheimdienstlichen Interessen. Erkenntnis: Individuen lassen sich besser steuern, wenn sie sich als Gestalter ihres Lebens verstehen. Es gehe darum, Irrationalitäten auszunutzen, statt sie zu überwinden. Und Fazit: "Glückliche" Menschen verlangen insgeheim und scheinheilig, zu ihrem eigenen Besten manipuliert zu werden. Wahrheit und Glück passen nicht zusammen.

Links. In der selbst gestellten Falle

Beim Schnelllesen dachte ich, der Spiegel-Artikel "Warum die Linke den Kampf gegen rechts verliert" sei Blödsinn. - Aber nein: Das Identitätsgeheuchle scheint tatsächlich eine schreckliche Falle zu sein!

 

Max Schrems versus FB

Was für ein irrer Krimi in Österreich! - In der #SZ.
Dran bleiben und global machen!

Hirn-Evolution

Netter Tweet von Assistenzarzt:

Schwimmhäute, Ohrmuskeln, drittes Augenlid: Was wir nicht mehr benutzten, wurde durch Evolution einfach weggeschrumpft. Und jetzt mache ich mir für die Zukunft ein wenig Sorgen um unser Gehirn.

Reich werden mit Marx

Habe gelesen:

"Re: Das Kapital" von Mathias Greffrath (Hsg) - 240 Seiten

Mit dem Sammelband "Re: Das Kapital" gelang Mathias Greffrath im Vorfeld der Jubiläen um Karl Marx und Das Kapital eine stringente und vielschichtige Auseinandersetzung über Kapitalismus und Gesellschaft heute. - Zur Rezension

Family First

#geschrieben
Durfte ich mal wieder für European Photography schreiben und 5 aktuelle Fotobände besprechen. Zum Thema Familie. - Es war ein Vergnügen!

 

Hier der Text im deutschen Original

Die Macht der Programme

Als ich das Buch DAS DIGITAL (verlängerte Magisterarbeit mit einem Jahr Zusatzarbeit) veröffentlichte, gab es weder Twitter noch Facebook. Mediensoziologen wie Vilém Flusser,  Jean Baudrillard, Dietmar Kamper, Norbert Bolz, Florian Rötzer u.v.a. aber waren hellwach, die Zeitgenossen für das sich ankündigende digitale Zeitalter zu rüsten. Es war eine extrem spannende intellektuelle Zeit. Man diskutierte auf gesunde Weise komplex, visionsoffen und panikbegabt. Demgegenüber wirkt es ernüchternd, wie niedrigkomplex heute die Themen der Digitalisierung (wird immer noch komplizierter) und Fake News (eigentlich banal) besprochen werden.

 

Umso größer war mein Vergnügen, online mal wieder reinggeblättert zu haben in die geistigen Ergüsse der Kommunikationsvisionäre, die ich im Buch DAS DIGITAL - Strategien der neuen Medien zusammentrug.

Orientierung bei Nacht

Zu Studienzeiten gönnte ich mir den Luxus, möglichst viele Tageszeitungen und Zeitschrieften zu lesen, zu Hause, in Kneipen und Bibliotheken. Ich saugte gesellschaftliche Debatten auf wie ein Schwamm. Schon damals, zu Zeiten der Postmoderne, aber beschlich mich ein Misstrauen ob der Methode, gleichwohl sie von einer Vision befeuert war: Wenn alle dies tun, dann kann doch nichts schief gehen im Land.

 

Aber ich tat meine Beschäftigung ziemlich alleine. Die Magazine bestritten sich postkalterkriegmäßig gegenseitig, mein schlichtendes Gehirn hatte Mühe mit all den Theorien und hilflos mußte ich eine gegenläufige Bewegung wahrnehmen: Wider die zersplitterten Elfenbeitürme der Magazine und die Extravaganzen ihres Engagement blieb die Macht von Springer (vor allem mit BILD) unübersehrbar maßgeblich: Massenverblödung und Lüge als Prinzip. Zwar wurde immer wieder dazu aufgerufen, Springer in die Luft zu jagen, dies aber ist nie geschehen. Das rächt sich heute, jetzt haben wir den Salat.

 

Komplexes Denkens lesend zu erleben war anregend, doch auch anstrengend. Denn als kleines Individuum war ich einem Meer an Meinungen und Erkenntnissen ausgesetzt. Bis heute hangele ich mich durch das Gestrüpp der Diskurse und bin auch heute durchaus glücklich damit. Doch ahne derzeit, dass ich der einzige bin, der sich noch für Diskurse interessiert. Bin ich der letzte Mensch?

 

Die Diversität des Denkens wird nicht mehr gefeiert: Meinungsaffekte werden durch die Welt geschossen und nicht immer kompetente Politiker konstruieren bisweilen absurd irrationale Zusammenhänge. Es wird ehr Diffusion zelebriert als Dialog praktiziert.

 

Schon zu Studienzeiten sehnte ich mich nach einer Einheitszeitung. Warum sollte es nicht eine einzige Zeitung geben können, in der sich alle Dispute bündelten!? Das wäre praktisch und preiswert. Doch aber, ok, im Kapitalismus brauchts Durcheinander. Die Folge aber: Es gibt keinen Ort des Gesamtüberblicks. Kein Medium kann ultimative gesellschafltiche Dialogiken juristisch genau und umfassend kommunizieren, alles bleibt relativ, fraktal. Diese Tatsache hat sich seit Privatfernsehen und Internet ins Irrsinnige exponiert und verschrägt. Es ist heute auch im Ansatz nicht für alle Bürger wahrnehmbar, was an Werten und Fazits oder Zwischenfazits relevant sein sollte. Die Wahrnehmung gesellschaftlichen Denkens mutet an wie ein Denken nach dem GAU. Dies ist womöglich die direkte wie eklatante Folge der so "lustigen" Postmoderne.

 

In vergangenen Jahrhunderten wurde viel nachgedacht, sehr viel, mehr als heute. Es existieren abertausende Bücher voller Weisheit, Wahrheit, Schönheit, Klugheit, Diskurs, Vision und Wonne. All diese Bücher zu lesen hatte ich schon damals als Student weder genug Zeit, Geld, noch Muse. Mußte mich auch noch um Anderes kümmern. Damals wie heute ist es menschlich unmöglich, all das Publizierte zu lesen. Doch aber sei deshalb umsomehr die Frage einer grundlegenden Zäsur erlaubt: Wo haben heute die Weisheiten, Analysen und Empfehlungen der großen Denker der Geschichte in der Wahrnehmung noch Platz, wenn bereits kleinste pro-kontra-Nano-Dispute zum diskursiven Blackout führen!? Sie ereignen sich im freien Fall. Ohne weisheitliche Absicherung.

 

Wenn sich Gesellschaft als kommunikative Gemeinschaft versteht, ihr Kommunikation aber nicht gelingt, dann steht auch der Begriff der Gesellschaft in Frage. Womöglich gibt es sie gar nicht mehr und ich, der letzte Mensch, lebt gemeinsam mit all den anderen letzten Menschen in einer Gesellschaftssimulation, die aus Media und Social Media besteht, die zu null Prozent an kommunizierbares Weisheitswissen gebunden ist. Alle und alles sind 0 oder 1: erschieß mich / erschieß mich nicht. Wir sind Jäger und Opfer wie in der Steinzeit.

 

Das Weltwissen, so hieß es immer wieder, sei in den tollen digitalen Speichern total toll verfügbar. Wenn freilich niemand es abruft beziehungsweise die Denkersprache nicht versteht, dann kommen die Speicher einer gigantischen Schreddermaschine gleich.

 

Google vergißt alles! Es ist ein Trug zu glauben, Daten seien wichtig. Wichtig wäre Wissen. Wissen mag sich auf Daten berufen müssen, kann sich aber nur in menschlichen Gehirnen manifestieren (die KI-Trottel mögen mal eben die Klappe halten). Wissen kann zu Weisheit führen (voll out), doch Weisheit wäre ein Ansatz dessen, was Weltliteratur, Wissenschaft und Philosophie hinterlassen sollte.

 

Aktuell sieht es gesellschaftlich so aus, als ob Pfade gelöscht und Spuren verwischt wurden. Dateiname ungültig. In solchen Situationen kann ein Backup helfen. Restverstand könnte man so ein Backup nennen und auch Menschlichkeit. Wenn es kein Backup gibt, bleibt leider nur die radikale Neuinstallation.

 

Ihr folgt die Schnullerphase. Dann: erst mal Sprechen lernen. Dann Lesen und Schreiben. Und wenn auf der Festplatte oder in Schriften noch Resthinweise des historischen Wissens verfügbar sind, kann das Denken einsetzen. Wenn das nicht der Fall ist, dürfte eine Einheitspartei mit Springer-Niveau am Ruder sein. Denn sie fördert kein Denken. Plattheit will platt machen. Das freilich kann durchaus Glückszustände bewirken, denn Stumpfsinn beflügelt.

 

Wer nun meckert, dass es blöde, ja dumm sei, gegen die dummen, von Banalmedien zu Dummheit erzogenen Normalbürger vorzugehen, weil die dann ja zurecht beleidigt erfolgreich Politik machen, dann sei gesagt: Schon richtig, lieber Wutbürger, dass du dich über Orientierungslosigkeit aufregst. Mußt dich halt schlau machen, wie alle anderen auch. Wir sitzen alle im selben Boot!

 

 

 

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